<86> Kräften beistehen sollte. Der König erwiderte; es tue ihm leid, das Anerbieten abschlagen zu müssen, aber er könne die Verträge nicht brechen, die er soeben mit Bayern und Frankreich geschlossen hätte. Die Verzweiflung in Wien war so groß, daß man in jedem Augenblick das Erscheinen der Bayern erwartete. Die Landstraßen wimmelten von Flüchtenden. Der Hof war im Begriff aufzubrechen. In dieser allgemeinen Bestürzung schrieb die Kaiserin-Witwe an den Prinzen Ferdinand von Braunschweig, der im Heere des Königs diente, folgenden Brief, der merkwürdig genug ist, um angeführt zu werden.

Wien, den 11. September 1741.



Mein lieber Neffe!

Ich breche ein grausames Schweigen, das Ihr Betragen, indem Sie gegen uns dienen, mir auferlegt hat. Auch täte ich es nicht, wenn ich andre Wege wüßte, um den König von Preußen zu beschwören, mir einen Neffen wiederzugeben, den ich nicht mehr geliebt und schätzenswert nennen kann nach der Betrübnis, die Sie beide mir bereitet haben. Das Trostmittel liegt in des Königs Hand. Die Königin, meine Tochter, gesteht ihm alles zu, was niemand außer ihr selbst ihm verbürgen kann, wenn er ihr hilft, sie und den Staat in völlige Ruhe zu setzen, und wenn der König hilft, das Feuer zu löschen, das er selbst entzündet hat, und nicht selbst seine eignen Feinde vermehrt. Denn es braucht nur der Kurfürst von der Pfalz zu sterben1, um ihm neue Feinde zu machen. Außerdem können Bayern und Sachsen bei ihren Vergrößerungsplänen nicht zugeben, daß er das, was die Königin ihm in Schlesien überlassen hat, ruhig besitzt. Reden Sie dem König also zu, unser treuer Bundesgenosse zu werden und der Königin mit Truppen beizustehen, um ihr die Länder zu erhalten, die so viele Feinde bedrängen. Denn es ist der Vorteil der beiden Mächte selbst, wenn sie in engem Bündnis stehen, da ihre Länder so liegen, daß sie einander zur Wahrung ihrer gegenseitigen Rechte beistehen können. Ich verlasse mich ganz auf Ihre Vorstellungen und auf die trefflichen Eigenschaften des Königs, der uns dieses Unglück zugezogen hat und nun auch die Ehre beanspruchen wird, uns seinerseits vom Untergange zu erretten, wohl auch einige Rücksicht für seinen eignen Vorteil haben wird, sowie für eine betrübte Mutter und Tante, welche hernach sich ohne Groll wird nennen können

Ihre wohlgeneigte Tante
Elisabeth.

Prinz Ferdinand antwortete der Kaiserin-Witwe im wesentlichen, daß der König sich als Ehrenmann nicht von den Verpflichtungen lossagen könnte, die er mit Bayern und Frankreich eingegangen wäre. Er bedaure und beklage die Kaiserin aufrichtig,


1 Vgl. S. 3. 56.