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Antwort: Sie könnten mich nur über die Verderbtheit der Menschen traurig stimmen. Aber wie ich weder einem Buckligen noch einem Blinden ähnlich sein möchte, so halte ich es auch für eine unwürdige Erniedrigung einer edlen Seele, sich das Lasier zum Vorbild zu nehmen.

Frage: Trotzdem gibt es unentdeckte Verbrechen.

Antwort: Zugegeben! Aber die Verbrecher sind nicht glücklich. Wie ich Dir schon sagte, werden sie von Furcht vor Entdeckung und von Heftigsten Gewissensbissen gequält. Sie empfinden es tief, daß sie eine betrügerische Rolle spielen und ihre Ruchlosigkeit unter der Maske der Tugend verbergen. Ihr Herz verwirft die falsche Achtung, die ihnen zuteil wird, und sie selbst verdammen sich insgeheim zu der tiefsten Verachtung, die sie verdienen.

Frage: Es ist fraglich, ob Du so dächtest, wenn Du in solcher Lage wärest.

Antwort: Könnte ich die Stimme meines Gewissens und die rächende Reue ersticken? Das Gewissen gleicht einem Spiegel. Wenn unsre Leidenschaften schlafen, zeigt es uns unsre ganze Mißgestalt. Ich sah mich darin unschuldig und soll mich nun schuldbedeckt sehen? Ach! Ich würde in meinen eignen Augen zum Gegenstand des Abscheus werden! Nein, nie werde ich mich aus freien Stücken dieser Erniedrigung, diesem Schmerz, dieser Marter aussetzen!

Frage: Es gibt jedoch Raub und Erpressungen, die der Krieg zu rechtfertigen scheint.

Antwort: Der Krieg ist ein Handwerk für Ehrenmänner, wenn die Bürger ihr Leben im Dienste des Vaterlandes aufs Spiel setzen. Mischt sich aber Eigennutz ein, so artet dies edle Handwerk zu bloßer Räuberei aus.

Frage: Nun, wenn Du auch nicht eigennützig bist, so wirst Du doch zum min, besten Ehrgeiz besitzen, wirst wünschen, emporzukommen und Deinesgleichen zu befehlen.

Antwort: Ich mache einen großen Unterschied zwischen Ehrsucht und Wetteifer. Die Ehrsucht ist oft maßlos und grenzt an das Lasier, aber der Wetteifer ist eine Tugend, nach der man trachten muß. Er treibt uns an, unsre Mitbewerber ohne Neid zu übertreffen, indem wir besser als sie unsre Pflichten erfüllen. Er ist die Seele der schönsten Taten im Kriege und im bürgerlichen Leben. Er wünscht zu glänzen, will aber seine Erhebung nur der Tugend im Verein mit höheren Talenten verdanken.

Frage: Könntest Du aber dadurch zu einer hohen Stellung gelangen, daß Du jemand einen schlechten Dienst erwiesest, würde dieser Weg Dir nicht kürzer erscheinen?