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5. An Maupertuis1
Das Leben ein Traum

Sag doch: was ist, Freund Maupertuis,
Das ganze bißchen Leben?
Nicht mehr denn eine Blume, die
Heut' prangt und lacht,
Und über Nacht
Ist sie schon hingewelkt, die eben
Den Kelch erschloß! So ist's bestimmt
Im Ratschluß der Notwendigkeit,
Die alles Sein von hinnen nimmt
Mit Unerbittlichkeit;
All deine Gaben, noch so hoch,
Und all dein Wert, sie wirken doch
Dir keines Tages Gnadenfrist,
Wenn deine Zeit erfüllet ist.

Die schönen Tage mein, sie schwanden,
Wie eine Welle auf dem Meer,
Des Lebens Lust kam mir abhanden,
Kein Zauber bannt sie wieder her.
Der Stoa Weisheit ernst und kalt
Ward längst mein einz'ger Trost und Halt,
Und Will's mit mir herniedergehn,
Heißt sie mich geistesstark erstehn.
Hin flieht das Heute; voller Sorgen,
Ein Reich der Zweifel, ist das Morgen,
Und das Vergangne ist mir kaum
So wesenhaft als wie ein Traum.


1 Vgl. Bd. II, S. 44 und 150: VI, S. 365; VIII, S. 227 ff. und 237.