<243> her und wollten ihn durch Verleumdungen zu Falle bringen. Ihre Unwissenheit machte ihr Vorhaben zuschanden. Aus Mangel an Einsicht verwirrten sie die klarsten Begriffe, legten die Stellen, wo unser Autor Duldung predigt, als Lehrsätze des Atheismus aus, und derselbe Voltaire, der alle Hilfsquellen seines Genius zum kraftvollen Nachweis vom Dasein Gottes anwandte, wurde zu seinem großen Erstaunen gescholten, dessen Dasein geleugnet zu haben.

Aber wenn jene frommen Seelen ihrem Haß gegen ihn so ungeschickt Luft machten, so ernteten sie damit nur den Beifall von Leuten ihres Schlages, nicht aber von denen, die den leisesten Begriff von Logik hatten. Sein eigentliches Verbrechen bestand darin, daß er in seiner Geschichte nicht feige die Lasier so vieler Päpste verhehlte, die die Kirche entehrt haben, daß er mit Fra Paolo1, mit Fleury2 und so vielen andren aussprach, wieviel öfter die Leidenschaften das Benehmen der Priester bestimmten als die Eingebung des Heiligen Geistes, daß er in seinen Werken Abscheu gegen jene entsetzlichen Metzeleien erregte, die aus falschem Eifer begangen wurden3, und daß er schließlich jene unverständlichen und nichtigen Streitereien, denen die Theologen aller Sekten soviel Bedeutung beilegen, mit Verachtung behandelte. Fügen wir zur Vollendung des Bildes noch hinzu, daß alle Werke Voltaires frisch von der Presse verkauft wurden, während die Bischöfe mit heiligem Grimm sahen, wie ihre Hirtenbriefe von Würmern zerfressen wurden oder in den Buchhändlerläden vermoderten. So urteilen dumme Priester! Man würde ihnen ihre Dummheit verzeihen, wenn ihre falsche Logik die Ruhe des Bürgers nicht störte. Gibt man der Wahrheit die Ehre, so genügt der Mangel an Denkvermögen zur Kennzeichnung dieser elenden und verächtlichen Wesen, die ihren Beruf darin sehen, die Vernunft in Fesseln zu schlagen und mit dem gesunden Menschenverstand offen zu brechen.

Da es hier Voltaire zu rechtfertigen gilt, dürfen wir keine der Beschuldigungen übergehen, die man ihm zur Last legte. Die Scheinheiligen bezichtigten ihn also noch, er habe die Anschauungen Epikurs, Hobbes', Woolstons4, Lord Bolingbrokes und andrer Philosophen verkündet. Aber ist es nicht klar, daß er, anstatt ihre Lehren durch das zu bestärken, was auch jeder andre hätte hinzufügen können, sich mit der Rolle des Berichterstatters begnügt und die Entscheidung des Prozesses seinen Lesern anheimgibt? Und zweitens, wenn die Religion auf Wahrheit beruht, was hat sie dann von allem zu fürchten, was die Lüge gegen sie erfinden kann? Davon war Voltaire fest überzeugt. Er hielt es nicht für möglich, daß die Zweifel eines Philosophen über die göttlichen Offenbarungen den Sieg davontragen könnten.

Aber gehen wir weiter. Vergleichen wir die in seinen Werken vertretene Moral mit der seiner Verfolger. Er sagt, die Menschen sollen sich wie Brüder lieben; sie haben die Pflicht, einander die Last des Lebens tragen zu helfen, wo die Summe


1 Vgl. S. 162.

2 Vgl. S. 103 ff.

3 Vgl. S. 195.

4 Vgl. S. 163.