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Bald nach seiner Freilassung zog er sich, aufgebracht durch die unwürdige Behandlung und den Schimpf, den er in seinem Vaterlande erduldet hatte, nach England zurück1, wo er nicht nur die günstigste Aufnahme beim Publikum fand, sondern sich auch bald begeisterte Anhänger warb. In London legte er die letzte Hand an seine „Henriade“, die er damals unter dem Titel „Poème de la Ligue“ veröffentlichte2.

Unser junger Dichter, der während seines Aufenthalts in England alles zu nutzen wußte, warf sich besonders auf das Studium der Philosophie. Damals blühten die weisesten und tiefsten Philosophen. Er ergriff den Faden, an dem sich der vorsichtige Locke durch das Labyrinth der Metaphysik getastet hatte, zügelte seine feurige Einbildungskraft und unterwarf sich den mühseligen Berechnungen des unsterblichen Newton. Ja, er eignete sich die Entdeckungen dieses Philosophen derart an und machte solche Fortschritte, daß er das System des großen Mannes in einer kurzen Abhandlung so klar darstellte, daß es für jedermann faßlich wurde3. Vor ihm war Fontenelle der einzige Philosoph gewesen, der Blumen auf die trockne Astronomie gestreut und sie zum Zeitvertreib des schönen Geschlechts gemacht hatte. Den Engländern schmeichelte es, daß ein Franzose ihre Philosophen nicht nur bewunderte, sondern sie auch in seine Sprache übersetzte. Die vornehmste Welt Londons drängte sich, ihn zu besitzen. Nie fand ein Fremder bei dieser Nation günstigere Aufnahme. Aber so schmeichelhaft der Triumph auch für seine Eigenliebe war, die Liebe zum Vaterlande siegte im Herzen unsres Dichters, und er kehrte nach Frankreich zurück (1729).

Durch den Beifall aufgeklärt, den ein so ernstes und kluges Volk wie die Engländer dem jungen Schriftsteller gespendet hatte, begannen die Pariser zu ahnen, daß ein großer Mann in ihrer Mitte geboren war. Nun erschienen die „Lettres sur les Anglais“4, die mit raschen, kräftigen Strichen die Sitten, den Kunstfleiß, die Religion und die Regierung des englischen Volkes schildern. Die Tragödie „Brutus“, höchst geeignet, diesem freien Volke zu gefallen, folgte bald nach, ebenso „Mariamne“5 und eine Menge andrer Stücke.

Damals lebte in Frankreich eine durch ihre Neigung zu Kunst und Wissenschaft berühmte Dame. Sie erraten wohl, meine Herren, wir meinen die Marquise du Châtelet. Sie hatte die philosophischen Werke des jungen Autors gelesen; bald machte sie auch seine Bekanntschaft (1733). Das Verlangen, sich zu unterrichten, und der leidenschaftliche Wunsch, die wenigen Wahrheiten zu ergründen, die im


1 Voltaire ging erst im Mai 1726 nach England, und zwar nach feiner zweiten Gefangenschaft in der Bastille. Sie war die Folge einer Forderung, die er dem Chevalier de Rohan wegen einer ihm öffentlich zugefügten Beschimpfung hatte zugehen lassen.

2 „La Ligue ou Henri le Grand“ erschien bereits 1723.

3 „Élements de la philosophie de Newton“, 1738.

4 Bekannter als „Lettres philosophiques“, 1733.

5 „Brutus“ wurde 1730 aufgeführt; „Mariamne“ war schon 1724 gespielt worden.