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Gedächtnisrede auf Voltaire
Gelesen in der Akademie am 26. November 1778



Meine Herren!

In allen Zeitaltern, besonders bei den geistvollsten und gebildetsten Völkern, sind Männer von hoher und seltner Begabung schon während ihres Lebens geehrt worden, noch mehr aber nach ihrem Tode. Man betrachtete sie wie Phänomene, die ihren Glanz über ihr Vaterland verbreiteten. Die ersten Gesetzgeber, die die Menschen lehrten, in Gesellschaft zu leben, die ersten Helden, die ihre Mitbürger verteidigten, die Philosophen, die in die Abgründe der Natur hinabdrangen und einige Wahrheiten entdeckten, die Dichter, die die Großtaten ihrer Zeitgenossen der Nachwelt überlieferten, sie alle wurden wie höhere Wesen angesehen; man glaubte sie von der Gottheit besonders erleuchtet. Daher kam es, daß man dem Sokrates Altäre errichtete, daß Herakles für einen Gott galt, daß Griechenland den Orpheus verehrte und daß sieben Städte sich um den Ruhm stritten, die Heimat Homers zu sein. Das Volt von Athen, das die beste Erziehung besaß, wußte die Ilias auswendig und ehrte in ihren Gesängen pietätvoll den Ruhm seiner alten Helden. Auch Sophokles, der die Palme auf dem Theater errang, stand wegen seiner Talente in hohem Ansehen, ja der athenische Staat bekleidete ihn mit den höchsten Würden. Jedermann weiß, wie hoch Äschines, Perikles und Demosthenes geschätzt wurden, und daß Perikles dem Diagoras zweimal das Leben rettete, einmal, als er ihn vor der Wut der Sophisten schützte, das zweitemal, indem er ihn durch seine Wohltaten