<248> ein gleiches getan. Wissen Sie nicht, daß die Griechenrepubliken mit ihren unaufhör-lichen Zwistigkeiten fortwährend von Bürgerkriegen heimgesucht wurden? Ihre An-nalen umfassen eine ununterbrochene Folge von Kämpfen: gegen die Mazedonier, die Perser, Karthager, Römer, bis zur Zeit, da der Ätolische Bund ihren Untergang beschleunigte. Wissen Sie nicht, daß keine Monarchie kriegerischer war als die römische Republik? Um all ihre Waffentaten Ihnen vor Augen zu führen, müßte ich die Geschichte der Republik Rom vom einen Ende bis zum andern wiedergeben.

Gehen wir zu den modernen Republiken über. Die venezianische hat gegen die genuesische gekämpft, gegen die Türken, den Papst, die Kaiser und gegen euren Ludwig XII. Die Schweizer haben Kriege mit dem Haus Österreich und mit Karl dem Kühnen, dem Herzog von Burgund, ausgefochten. Und sind sie nicht — um mich Ihres feinen Ausdrucks zu bedienen — schlimmere Schlächter als die Könige: verkaufen sie nicht ihre Mitbürger zum Dienst bei Fürsten, die im Kampf stehen? Von England, das ja auch eine Republik ist, sage ich nichts; Sie wissen es aus Erfahrung, ob England Kriege führt und wie es sie führt. Die Holländer haben sich seit der Begründung ihrer Republik in alle Wirren Europas gemischt. Schweden hat seinerzeit, solange es Republik war, verhältnismäßig ebensoviel Kriege unternommen wie unter der Monarchie. Was Polen betrifft, so frage ich Sie nur, was gegenwärtig dort vorgeht1, was in unserem Jahrhundert dort schon vorgegangen ist2, und ob Sie glauben, daß das Land ewigen Frieden genieße? Alle Regierungsformen Europas und der ganzen Erde, die Quäker ausgenommen, sind demnach, wenn es auf Ihre Grundsätze ankommt, tyrannisch und barbarisch. Warum also beschuldigen Sie einzig die Monarchien dessen, was sie doch mit den Republiken gemeinsam haben?

Sie ereifern sich gegen den Krieg. Er ist an sich schreckensvoll, aber doch nur ein Übel wie die anderen Geißeln Gottes, von denen man wohl annehmen muß, daß sie innerhalb der Weltordnung notwendig sind, da sie periodisch auftreten und bis jetzt noch kein Jahrhundert sich rühmen konnte, frei von ihnen geblieben zu sein. Wenn Sie den ewigen Frieden herstellen wollen, so müssen Sie sich in eine Idealwelt begeben, wo das Mein und Dein unbekannt ist, wo Fürsten, Minister und Untertanen allesamt leidenschaftlos sind und jedermann der Vernunft gehorcht. Oder schließen Sie sich den Plänen des verstorbenen Abbe Saint-Pierre3 an. Oder aber, wenn das Ihnen zuwider ist, weil er Priester war, so lassen Sie doch den Dingen ihren Lauf; denn in dieser Welt müssen Sie darauf gefaßt sein, daß es Kriege geben wird, wie es immer Kriege gegeben hat, soweit unsere Überlieferung zurückreicht.


1 Anspielung auf den Konföderationskrieg, den die in der Konföderation von Bar (1768) vereinigten polnischen Katholiken gegen die von den Russen unterstützten Dissidenten führten und den König Friedrich zum Gegenstand eines satirischen Epos (vgl. Bd. IX) gemacht hat.

2 Gemeint sind die Kämpfe Karls XII. von Schweden mit König August II. von Polen, die mit dessen Absetzung und der Erhebung von Stanislaus Leszczynski auf den polnischen Thron (vgl. S. 14) endeten, und der Polnische Erbfolgekrieg (1733-1735). -

3 Der Abbe Saint,Pierre (1658—1743) war der Verfasser des vielberufenen Werkes „Plan eines ewigen Friedens“, das 1713 erschien.