<91> Besitzungen der Republik Venedig als lockende Beute dar. Man wartete in Wien nur auf eine Gelegenheit zur Aufteilung dieses günstig gelegenen Gebietes, um dadurch Triest und die Lombardei mit Tirol zu verbinden. Das war aber noch nicht alles. Nach dem Tode des Herzogs von Modem, dessen Erbin ein Erzherzog geheiratet hatte1, gedachte man das Herzogtum Ferrara, das die Kurie besaß2, zurückzufordern und dem König von Sardinien3 das Gebiet von Tortona und Allessandria abzunehmen, da es von jeher den Herzögen von Mailand gehört hatte. Nach Westen bildete Bayern einen verlockenden Köder. Als Nachbarland Österreichs eröffnete es ihm einen Weg nach Tirol. Im Besitz Bayerns, war das Haus Österreich fast im Besitz des ganzen Donaulaufes. Außerdem hielt man es in Wien den Interessen des Kaisers für nachteilig, wenn Bayern und die Pfalz in eine Hand kämen4. Da der Kurfürst von der Pfalz durch die bayerische Herrschaft zu mächtig geworden wäre, war es also besser, daß der Kaiser Bayern selbst einsteckte5. Geht man von Bayern donauaufwärts, so kommt man nach dem Herzogtum Württemberg, auf das der Wiener Hof höchst berechtigte Ansprüche zu haben glaubte. Alle diese Eroberungen hätten eine Länderbrücke von Wien bis zum Rheine gebildet; dort konnte das einst zum Reiche gehörige Elsaß Frankreich wiederabgenommen werden. Von da endlich führte der Weg nach Lothringen, das noch vor kurzem das Erbland von Josephs Vorfahren gewesen war. Wenden wir uns nun zum Norden, so gelangen wir nach Schlesien, dessen Verlust Österreich nicht verschmerzen konnte, und das der Wiener Hof bei der ersten Gelegenheit zurückgewinnen wollte.

Der Kaiser war noch zu unreif, um seine weitschauenden Pläne zu verbergen und zu verschleiern. Seine Lebhaftigkeit verriet ihn häufig; er wußte nicht, wie nötig VerStellungskunst in der Politik ist. Ein Beispiel dafür möge genügen. Gegen Ende des Jahres 1775 litt der König von Preußen unter heftigen, andauernden Gichtanfällen. Van Swieten, der Sohn eines Arztes und kaiserlicher Gesandter in Berlin, hielt diese Gicht für eine ausgeprägte Wassersucht. Stolz darauf, seinem Hofe den Tod eines lange gefurchtsten Gegners anzeigen zu können, meldete er dem Kaiser dreist, es ginge mit dem König zu Ende, und er würde kein Jahr mehr leben. Sofort gerät Josephs Gemüt in Wallung. Alle österreichischen Truppen rücken ins Feld; Böhmen wird zum Sammelpunkt bestimmt, und der Kaiser harrt in Wien ungeduldig auf die Todesnachricht, um sofort durch Sachsen gegen die brandenburgische Grenze vorzudringen und den Nachfolger vor die Wahl zu stellen: entweder Schlesien sofort an Österreich herauszugeben, oder sich von seinen Truppen erdrückt zu sehen, bevor er sich


1 Herzog Franz III. starb 1780. Aus der Ehe seines Sohnes und Nachfolgers Herkules Rainaldus war nur eine Tochter entsprossen, Maria Beatrix, die seit 1771 mit Erzherzog Ferdinand, dem dritten Sohn Maria Theresias, vermählt war.

2 Die Kurie hatte 1598 den besten Teil des Herzogtums Ferrara als Klrchenlehen eingezogen.

3 Viktor Amadeus III.

4 Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz war der Erbe des kinderlosen Kurfürsten Maximilian Joseph von Bayern.

5 Vgl. unten S. 99 ff.