<205> Die Gesamtheit dieser Krieger, die Deutschland bewohnten, gab ihm den Namen Germanien.

Die ersten Bewohner der Mark waren die Teutonen. Nach ihnen kamen die Semnonen, von denen Tacitus sagt, daß sie die vornehmsten unter den Sueben waren.

Zu jenen entlegenen Zeiten befand sich Deutschland in völlig barbarischem Zustande. Halbwilde und rohe Völker bewohnten die Wälder. Armselige Hütten dienten ihnen als Wohnungen. Sie heirateten früh und vermehrten sich stark, zumal die Frauen selten unfruchtbar waren. Die Volkszahl wuchs ständig, und da die Söhne sich darauf beschränkten, die Äcker ihrer Väter zu bebauen, statt neues Land urbar zu machen, konnte bald ein so kleines Erbteil selbst in den besten Jahren nicht genug zum Unterhalt so vieler Köpfe liefern. So waren sie gezwungen, auszuwandern und anderswo ihr Auskommen zu suchen. Daher die großen Einfälle der Barbaren in Gallien, in Afrika und selbst ins Römische Reich1.

Die Germanen waren Jäger, weil sie die Not dazu zwang, und Krieger aus Instinkt. Ihre Armut nötigte sie zur schnellen Beendigung ihrer inneren Kriege, zumal die Selbstsucht niemals mitsprach. Ihre Feldherren, die später ihre Herrscher wurden, nannten sich „Fürsten“, was eine Ableitung von dem Wort Führer ist. Sie waren berühmt durch ihren hohen Wuchs und ihre kraftvollen und in den schwersten Arbeiten abgehärteten Körper. Ihre Haupttugenden waren der Mut und die Treue, mit der sie ihre Verpflichtungen erfüllten. Sie feierten diese Tugenden in Liedern, die sie ihren Kindern lehrten, um sie der Nachwelt zu überliefern.

Die lateinischen Geschichtsschreiber selber stellen der Tapferkeit der Germanen ein glänzendes Zeugnis aus, indem sie uns von den Niederlagen des Varus und anderer römischer Feldherren berichten. Wenn man schon dem Mut eines Volkes Beifall zollt, das bei ganz gleichen Vorbedingungen ein anderes besiegt, wieviel mehr muß man die Tapferkeit der Germanen bewundern! Allein das Vertrauen auf ihre eigene Kraft und ihr unbeugsamer Trotz, der den Sieg nicht lassen will, triumphierten über die römische Disziplin und über jene Legionen, die fast die Hälfte der bekannten Welt unterworfen hatten.

Was auch die meisten Geschichtsschreiber sagen, es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Römer trotz den Sueben die Elbe überschritten haben.2 Denn man hat bei Zossen3 in einem viereckigen Feld von achthundert Schritt Länge eine Menge von Urnen gefunden, in denen Münzen des Kaisers Antoninus und der Kaiserin Faustina enthalten waren, nebst einigem Flitterstaat, wie ihn die römischen Damen trugen. Das ist keinesfalls ein Schlachtfeld; denn die Sueben hätten die Schätze ihrer Feinde nicht in die Erde gegraben, um ihr Begräbnis zu ehren. Vielmehr kann man, wie mir scheint, mit Sicherheit annehmen, daß es sich um ein Lager einiger vorgeschobener Kohorten


1 Vgl. Bd. VII, S. 89 f.

2 Vgl. dazu S. 13.

3 Anmerkung des Königs: „Sechs Meilen von Berlin.“