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3. Die Erneuerung der Akademie18-1

Welch Anblick ohnegleichen, geliebtes Vaterland!
Nun endlich will es tagen! Nun ist die Nacht gebannt!
Von blöden Vorurteilen, Irrtum und Barbarei,
Verscheucht aus Deinen Häusern, bist Du für ewig ftei!
Die schönen Künste jagen hinaus den wüsten Wahn;
Schon seh' ich ihre Helden in stolzem Zuge nahn,
Den Lorbeerkranz in Händen, den Zirkel und die Leier;
Die Wahrheit und der Ruhm
Geleiten sie zur Feier
In Mnemosynes Heiligtum.

Auf einem altersgrauen, geborstnen Säulentor,
Von roher Hand vernichtet, steigt sieghaft nun empor
Ein wundervoller Tempel, dem hehren Gott geweiht,
Der seine starte Hilfe der Kunst und Wahrheit leiht.
Und schon errichten Wissen, Vernunft und Geisteskraft,
Die mit vereintem Streben den Irrtum hingerafft,
Den Göttern, die sie schirmen, ein stolzes Ehrenmal,
Wie einst im Kapitol
Der hohe Ruhmessaal
Aufnahm der Siege Machtsymbol.

Unter der schnöden Herrschaft blinder Unwissenheit
Fiel diese Welt zur Beute dem Stumpfsinn weit und breit.
In ihren Eisenketten, von ihrem Wahn umnachtet,
Hat mit gelähmten Gliedern die Wahrheit lang geschmachtet.
Der Mensch war abergläubisch, verworfen, scheu und zag;
Doch da erschien die Wahrheit, und sieh, da ward es Tag!
<19>Er brach das Joch des Schreckens, das er so lange trug,
Verwarf das einst Verehrte,
Durchschaute den Betrug,
Der seinen Geist mit Fabeln nährte.

Auf jenem tiefen Meere, durch das der Weise fährt,
Ist er mit seiner schwachen Vernunft allein bewehrt;
Der Himmel ist unendlich, das Wasser uferlos;
Umringt vom Grenzenlosen, fühlt er sich arm und bloß.
Unendlichkeit ist alles, er kann sie nicht verstehen
Und irrt durch Höhn und Tiefen, die seinem Blick entgehen.
Sein Auge ist geblendet, die Sinne fassen's nicht,
Doch reizen ihn die Schranken;
Er macht es sich zur Pflicht,
Durchs All zu tummeln die Gedanken.

Im letzten Ringen brachte Vernunft hervor die Seher;
Sie kamen dem Geheimnis der Gottheit nah und näher.
Dem Menschen offenbarend des Höchsten wahres Wesen,
Erleuchten sie die Erde, wie sie am Himmel lesen.
Sie rechnen, wie die Sterne im Raum die Bahnen schlingen,
Sie wissen zu den Quellen der Ströme vorzudringen,
Erspähn den Lauf der Winde und wägen selbst die Luft.
Sie unterwerfen alles,
Erforschen Höh' und Kluft,
Selbst die Gestalt des Erdenballes.

Mit kund'ger Hand im Prisma zerteilen sie das Licht,
Das sich in Himmelsbläue, in Gold und Purpur bricht,
Das sonst in Strahlengarben Phöbus zusammenhält
Und von dem Himmelsthrone herabschickt auf die Welt.
Der Anatom durchstöbert im zarten Menschenleibe
Die Nerven und die Adern, forscht, was das Uhrwerk treibe,
Entdeckt verborgne Federn, dem Laienblick verwehrt.
Elektrische Magie
Berührt uns und durchfährt
Den Leib mit wilder Energie.

Nun naht auch meine Göttin, Beredsamkeit, die hehre,
Daß sie die goldnen Tage der Römer uns beschere,
Dem dumpfen Schweigen wieder die holde Stimme gebe
<20>Und mit des Geistes Feuer das rasche Wort belebe.
Hier bucht sie die Geschichte, dort läßt sie Verse rauschen.
Der feine Sinn kehrt wieder; den Jüngern, die ihr lauschen,
Läßt sie durch ihre Töchter erlesne Gaben spenden.
In ihre Tafeln schreiben
Sie mit den keuschen Händen
Nur Namen, die unsterblich bleiben.

Wie man in lichten Fernen, im blaugewölbten Himmel,
Uns malt der Götter buntes, vielfältiges Gewimmel
Und die Natur dem Dienste der Seligen unterstellt,
Sie herrschen läßt im Himmel, in Welt und Unterwelt,
Doch jedem ist im ganzen sein eignes Reich beschieden:
Im Schoß des Ätna läßt man Vulkan die Blitze schmieden,
Und Äolus entfesselt den Wind im Ätherraum,
Indes mit Zauberklang
Uns in entzückten Traum
Wiegt Polyhymnias Gesang: —

So glänzt an dieser Stätte Euer erlauchter Kreis
Von Priestern, deren jeder des Gotts Geheimnis weiß!
Die Ihr des Himmels Feuer der blinden Erde bringt
Und selbst die Vorurteile erleuchtet und bezwingt:
Ihr habt im Reich des Wissens jeder sein eignes Land,
Vereinigt alle Weisheit, die Menschengeist umspannt.
Der Wahrheit dunkle Tiefen hat Euer Geist durchdrungen;
Weltwunder macht Ihr kund.
Phöbus löst Euch die Zungen;
Orakel kündet Euer Mund.

Blüht, blüht, Ihr holden Künste! Mög' Euer Lorbeer sprießen,
Und mögen ihn die Wellen des Pattolos umstießen!
Ihr solltet dieser Erde, der törichten, gebieten,
Auf daß die Toren alle vor Eurem Altar knieten.
Schon hör' ich Eurer Stimmen holden Zusammenklang,
Uraniens Wort, sich schmiegend Melpomenes Gesang.
Ihr preist die Götter droben, Ihr gebt den Herrschern Lehren.
Der Himmel stößt mir's ein,
Das zwingende Begehren,
Euren Gesetzen Untertan zu sein!


18-1 Am 24. Januar 1744 war die neue „Akademie der Wissenschaften und schönen Literatur“ durch eine Sitzung im Berliner Schlosse eröffnet worden.