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1. An die Verleumdung4-1

Wo ich wandle, wo ich schreite,
Unentrinnbar mir gesellt
Aus der Spuk, und Schattenwelt,
Bleibt ein Unhold mir zur Seite;
Mordgeschosse seine Blicke,
Und aus ftechem Schandmaul quillt
Dem Gespenste bleich und wild
Stromweis gallenbittre Tücke.
's ist ein körperloses Wesen;
Nur durch Lüge, Niedertracht,
Hinterlist und Lust am Bösen
Wird dies Nichts zu einer Macht.

Du unbändig Kind des Neides!
O, ich kenn' dich Feige gut:
An der Gier und an der Wut,
Nimmer satt des ftemden Leides,
Nimmer satt von Missetat
Und Verrat.
Deine Werke von dir sprechen,
Deine schamvergeßnen, frechen;
Deine Nattern von dir zeugen,
Die da Haß und Ingrimm säugen;
Kenne deines Schleiers Hüllen,
Der dein Haupt vermummt, den schrillen
Mißton deiner Lugtrompeten,
Wie sie in der Welt vonnöten
Jedem ungerechten Willen.
<5>Schwingst der Furien Fackelpaar,
Düstrer loht und schwelt der Brand
Vor dem Thron, bis ganz und gar
Er in Qualmgewölk verschwand;
Machst dich breit auf seinen Stufen,
Ach, da dringt der Unschuld Rufen,
Die dort ihren Helfer weiß,
Durch den Dunst nicht mehr hinan!
Bald ist er dir Untertan,
Gibt dir feig die Seinen preis:
Und vom Thron sind sie entrechtet,
Alle, die dein Haß geächtet.

Deine Häßlichkeit verborgen
Hinterm Trug staatsmänn'scher Sorgen,
Hast du's frecher Stirn gewagt,
Wider Könige geklagt.
Und dein Haß hat wider mich
Alle Höfe aufgehetzt:
Welch ein Zorngeheul das jetzt
In der ganzen Runde setzt —
Fürchterlich!
So wardst du zu guter Letzt
Seele aller Staatsminister,
Machst den Herrn mit deinen kranken,
Unheilvollen Nachtgedanken
Ihre Hellsten Tage düster.

Und die schwirrende, behende
Menschenrede trägt die Fracht
Deiner Wut und Niedertracht
Weiter bis ans Weltenende;
Läßt vergiftet hinter sich
Jedes Land, ob dem sie strich!
Und Europa hungert drauf,
Schnappt und schluckt den edlen Brodem,
Famas giftig-brant'gen Odem,
Lüstern stets nach Neuem, auf.
Und die Welt, in Wahn versenkt,
Den du selbst ihr eingetränkt,
<6>Nimmt für reine Wahrheit diesen
Lug, als war' er klar erwiesen.
Deinen Rost, du mußt ihn anwehn
Jedem Namen, groß an Ansehn;
Denn für scheele Dämmrungaugen
Kann der Blick ins Licht nicht taugen.
Deine Tollheit kennt kein Schonen!
So ward Cäsar des Geredes
Opfer als des Nikomedes6-1
Junger Gast! So die Scipionen!
Deinerhalb ging Belisar
In Verbannung: Lorbeerzier
Ward zu dürren Disteln hier,
Weil's dein Wunsch und Wille war.

Wo gab's ein Verdienst, das dich
Nicht gewurmt hätt' grimmiglich?
Blieb Thersites ungeschoren,
Lagst Achill du in den Ohren;
Heldenhoheit zu verderben,
Sah einst Griechenland die Deinen
Sich in Niedertracht vereinen
Zu dem Volksgericht der Scherben.
Ja, die Großen immerdar
Sind dein Opfer, deine Beute,
Und von deinem Mordaltar
Dampft ihr edles Blut noch heute.

Marschall Luxemburg! Ihn zieh
Der verruchtesten Magie
Deine trunkne Hirnverbranntheit;
Prinz Eugen mußt' jung an Jahren
Deine Bissigkeit erfahren;6-2
Wer in boshafter Verranntheit
Wagt wohl heute noch den prächtigen
Colbert niedrig zu verdächtigen?
Jeder Franzmann würde rot!
<7>Ludwig kaum den Rücken wendet,
Kaum ist der Erhabne tot,
Ist sein Bildnis schon geschändet.

Doch dein Dolch, ob er dem Ruhme
Wunden schlägt — dem Heldentume
Wird er Wecker erst und Sporn!
Manchen hat der Neid zuletzt
Just zum Sieg hinangehetzt:
Durch! Da hemmt nicht Busch und Dorn,
Wunder tut der wackre Streiter —
Sieh, so wird er ein Gefeiter,
Ist dein Gift an ihm verlorn!
Und des großen Namens Glanz,
Du auf Größe so Erpichte,
Strahlt nun erst im rechten Lichte,
Und in Nacht versinkst du ganz.

Darum darf mich niemand schelten,
Blieb auch ich nicht unversehrt,
Weil ja allem, was man ehrt,
Deines Hasses Pfeile gelten —
Wer, der deiner Tücke wehrt?
Nicht Minerva mit dem Schrecken
Der versteinernden Gorgone!
Sei's der Zeit anheimgestellt,
Deine Bosheit vor der Welt
Aufzudecken.
Der wird's ohne
Alle Müh' dereinst gelingen,
Neu zu Ehren uns zu bringen.

Jetzt zu euch, heimtück'sche Brut,
Die ihr, euch mit Bosheit nährend,
An des Scheusals Brüsten ruht:
Schreit nur! Mischt nur immerwährend
Eurer Lügenstimmen Greul
In ihr wüstes Wolfsgeheul —
Eitles Mühn, so sinnentbehrend,
Gleich als peitschtet ihr mit Ruten
<8>Meeresfluten —
Keift nur zu!
Fest im tiefsten Seelengrunde
Lebt mir in der bängsten Stunde
Unerschütterliche Ruh...

In beglückter Arbeitsstille,
Seiner Sendung treu ergeben,
Schafft ein weltbeglückend Streben,
Wirkt ein selbstlos reiner Wille.
Drüben aber sieht man dich
Rüstig in den groben Händen
Schneid'ge Klingen drehn und wenden,
Schärfen, rüsten emsiglich,
Um mit kalter Satanstücke
Auszurotten, zu vernichten
Was, im Bunde mit dem Glücke,
Weisheit Neues wollt' errichten.

Freilich seh' ich dich die Toten
Oft mit schnöden Händen streicheln,
Was wird alles aufgeboten,
Den Gestorbenen zu schmeicheln —
Um mit doppeltem Ergehen
Den Lebend'gen zuzusetzen!
Wer kennt deine Schliche nicht,
Frevel, die in Finsternissen
Immerdar sich bergen müssen,
Stets in Furcht vorm Tageslicht,
Wie der Raben schwarz Gelichter,
Das in der Zypressen dichter
Wipfelnacht verborgen steckt,
Mit Gekrächz die Schatten schreckt;
Gern um Totenkreuz und Hügel
Schwebt das düstre Nachtgefiügel!

Nein, du Viper, giftgeblähte,
Schändliche, die's nicht verschmähte,
Den Regenten, der uns allen
Zum Beglücker schien geboren,
<9>Mit dem Neidzahn anzufallen,9-1
Ihn, den gütigen, den milden —
Nein, die Mühe wär' verloren,
Dich, du reißend Tigertier,
Lechzend nur von Mordbegier,
Umzubilden;
Eh' ich das wollt' unternehmen,
Eher war' im Sonnenbrande
Afrikas ein Mohr imstande,
Dort die wilden,
Freien Bestien zu zähmen!

Sei du ein Virgil, ein Meister
Auf dem Doppelgipfel droben,
Sei ein Fürst im Reich der Geister —
Dieses Keifen, dieses Toben
Wie ein Zoilus, ein dreister,
Bannt dich von dem Helikon!
Was hilft all dein Sonnenstreben
Gleich dem Aar, der sich erheben
Möchte zu des Lichtgotts Thron?
Senke nur die stolzen Schwingen!
Keiner glaubt
An dein edles Aufwärtsringen —
Bist kein Adler überhaupt,
Nur ein Geier, der da raubt,
Der nur Beute will verschlingen!

Nein, wer, selber angesteckt
Von dem Gifte, solche Ehren
Der Verleumdung will gewähren,
Wisse, daß sein Lied die Kunst
Nur entwürdigt und besteckt!
Du mißbrauchst der Muse Gunst!
<10>Und vergiftet hat dir jene
In der Quelle
Schon den Lauf der Hippokrene;
Trübe nur rinnt ihre Welle.
Wie ich auch bewundern muß
Deiner Sprache Pracht und Fluß,
Mehr fürwahr
Zum Genuß
Lockt es mich bei Pierre Bernard,10-1
Unserm Liebeskunstpoeten,
Dessen überlegne Art
Still darwider sich verwahrt,
Vor den lauten Markt zu treten.

Seht die weinende Najade:
Wenn ihr droben
Ungeberd'ge Stürme grade
In den Wellenfrieden toben:
Glaubt, sie muß es drunten fühlen,
Wie sie in den Tiefen wühlen.
Schlammgetrübte Wogen spülen
Bis hinab ans Felsgestein,
Ja, bis in das Kämmerlein
Ihrer Grotte tief hinein.
Schweigen aber Wind und Meer,
Wird es Klarheit um sie her,
Lautre Reinheit sie umgibt
Ungetrübt.
Alle eure Schändlichkeiten,
Lohnt es erst, sie zu verbreiten?
Ja, so lang sie neu noch sind,
Gibt's im Lande ein'gen Wind,
Aber Freunde findet nicht
Euer Schimpft und Schmähgedicht;
Morgen ist es schon vergessen,
Bis es dann die Würmer fressen.
Aber echter Manneswert
<11>Hat, im Besten unversehrt,
In sich selber Halts genug
Wider Frechheit, Lug und Trug;
Und der Unbill allerwegen
Beut er Trotz und setzt mit Fug
Ihr die Zuversicht entgegen,
Daß die Nachwelt unbeirrt
Ihn gerechter richten wird.

Noch so sehr gefälscht, entstellt,
Siegt zuletzt in dieser Welt
Wahrheit über jeden Wahn;
Schließlich hat
Selbst der große Apostat
Julian
Seinen Anwalt noch gefunden. 11-1
Hat der Haß sich überlebt,
Sind die Hasser all zur Ruh,
Neid und Eifersucht dazu
Aus der Welt hinweggeschwunden,
Dann erhebt
Sich die Tugend unverkümmert.
Stets in neuem Ruhmeslichte
— Also lehrt's die Weltgeschichte —
Echte Manneshoheit schimmert,
Und zunichte
Wird das Neidwert schnöder Wichte.


10-1 Pierre Joseph Bernard (1708—1775), genannt Gentil-Bernard, Verfasser des Gedichts „L'art d'aimer“, der es bis zu seinem Tode unveröffentlicht bewahrte und nur einzelne Stücke daraus im kleinen Kreise vortrug.

11-1 In der „Vie de l'empereur Julien“ des Abbé de la Blatterie (Amsterdam, 1735).

4-1 Vgl. dazu die Anleitung.

6-1 Nikomedes III., König von Bithynien (91—75 v. Chr.).

6-2 Vgl. Bd. II, S. 19.

9-1 Anspielung auf die „Odes philippiques“, die Schmähschrift von la Orange gegen den Regenten Herzog Philipp von Orleans. Aber auch Voltaire, der, obwohl fälschlich, als ihr Verfasser bezeichnet wurde, hatte ein Spottgedicht auf den Regenten geschrieben, das ihm seine erste Haft in der Bastille eintrug (vgl. Bd. VII, S. 32 und VIII, S. 234). Jedenfalls richtet sich diese Strophe, gleichwie die folgenden, auch gegen Voltaire, der der Veröffentlichung der „Œuvres du philosophe de Sanssouci“ (vgl. Einleitung) nicht ganz fernstand.