<63>Dem Nachbar nach, sein Herz doch zu erweichen —
Ja, wer da helfen könnte! Ach, man sah
Auf jeder Stirn ja schon des Todes Zeichen.
Zum schlimmen Ende unter tausend Qualen,
Erlitten sie's, schon halbe Leichen,
Daß sich ihr armer Leib mit gift'gen Malen
Und Flecken ganz bedeckte; und die Beulen,
Die brachen auf, ein schwarzes Gift entfloß,
Sie starben mit verzweiflungswildem Heulen!

Der Fluch der Iammerzeit, er war zu groß:
Da gab's nicht Nisus mehr und nicht Orest,1
Kein Liebesband hielt in den Schrecken fest.
Bericht' ich's erst, wie Freundestreue nicht
Standhalten mochte noch Verwandtenpflicht?
O Schuld und Schmach! In feiger, toller Flucht
Ein jeder nur sich selbst zu retten sucht
Und läßt die Pestverfallnen ihrer Pein,
Daß ohne Trost sie starben ganz allein!

Zuletzt, was allen Jammer überbot,
Schien mit dem Ausbruch einer Hungersnot
Das Maß des Menschenleids erfüllt zu sein!
Was damals sich für Schreckensbilder boten,
Erwartet ihr, daß ich's euch erst beschreibe?
Plätze und Häuser vollgehäuft von Toten,
Ein Bruder, der auf seines Bruders Leibe
Elend verröchelt; auf des Vaters Leiche
Der Sohn geschleudert, der entseelte, bleiche.
Dies Wehgeschrei, das Schluchzen allerenden,
Das auf zum Himmel steht, die Not zu wenden.
Dort hangt ein Säugling an der Mutter Brüsten,
Tod saugt er ein: das Weib, noch im Erblassen,
Will doch, von Gott und aller Welt verlassen,
Im Sterben noch des Kindes Leben fristen!
Die unbegrabnen Toten stellt euch vor!
Pesibrodem stieg da tausendfach empor,
Ansteckung wirkend, sicher und sofort.


1 Nisus und Euryalus, Orest und Pylades sind Vorbilder treuer Freundschaft.