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Von seinem Pontifikat an muß man die Epoche des Despotismus der Kirche rechnen. Seine Nachfolger legten den Geistlichen die Vorrechte zu, die im alten Rom die Volkstribunen besaßen. Ihre Person wurde für unverletzlich erklärt, und um sie gänzlich der Strafgewalt ihrer rechtmäßigen Herrscher zu entziehen, entschieden die Konzile, der Niedere könne in keinem Fall über den Höheren richten, was im Stil der Zeit soviel hieß wie: die Fürsten hätten in ihren Staaten keine Gewalt über den Klerus. Durch dies Mittel sicherte sich der römische Bischof einen Anhang, ein Heer, das stets bereit war, in allen Ländern auf seinen Befehl zu kämpfen. So ungereimt uns derartige Unternehmungen heute vorkommen, so waren sie es damals doch nicht. Die Schwäche des in Europa allgemein eingeführten Feudal, systems, die großen Vasallen, die als geborene Feinde ihrer Lehnsherren die Bannbullen der Päpste aus Eigennutz unterstützten, benachbarte Fürsien, die Neider oder Feinde des Exkommunizierten waren, die Priester, die ganz dem päpstlichen Stuhle anhingen und der Macht ihres weltlichen Herrschers entzogen waren — all das waren Mittel, um die Könige zu plagen. So viele gemeinsame Interessen schufen den Päpsten eifrige und begeisterte Vollstrecker ihrer Bullen!

Wir wollen hier die Streitigkeiten zwischen Kaisern und Päpsten über ihre Anspräche auf die Stadt Rom, über die Belehnung mit Stab und Ring oder über die Erbfolge in den Ländern der Markgräfin Mathilde nicht aufzählen. Wie jedermann weiß, haben allein diese geheimen Triebfedern die häufigen Exkommunikationen der Kaiser und Könige veranlaßt. Die Art von Hochmut, die aus schrankenloser Macht erwächst, brach nie anstößiger hervor, als in dem Betragen Gregors VII. gegen Kaiser Heinrich IV. Im Schloß zu Canossa, wo er mit der Markgräfin Mathilde saß, zwang der Papst den Kaiser zu den erniedrigendsten und schimpflichsten Demütigungen, bevor er ihn vom Kirchenbann lossprach (1077). Trotzdem darf man nicht glauben, die Wirkung der Bullen und Bannsirahlen sei überall die gleiche gewesen. Für die Kaiser war sie furchtbarer als für die Könige von Frankreich. Die gallische Krone galt für unabhängig, und die Franzosen erkannten die Gewalt der römischen Bischöfe nur in geistlichen Dingen an.

So groß aber auch die Macht der Päpste war, jede Exkommunikation eines Kaisers zog doch einen Bürgerkrieg in Italien nach sich. Oft wurde der Papstthron dadurch erschüttert. Einige Päpste wurden aus ihrer Hauptstadt vertrieben, flohen in andre Länder und suchten Schutz bei einem Herrscher, der ein Feind ihres Verfolgers war. Allerdings kehrten sie triumphierend nach Rom zurück, aber nicht mit Waffengewalt, sondern dank ihrer Geschicklichkeit: so sehr war ihre Politik der der weltlichen Fürsten überlegen!

Um sich jedoch der Ebbe und Flut des Glückes zu entziehen, erfanden sie Triebfedern, die, einmal in Bewegung gesetzt, ihre Herrschaft sichern und ihren Despotismus befestigen mußten. Der Leser merkt gewiß schon, daß wir auf die Kreuzzüge hinauswollen. Um die Schwärmer zusammenzubringen, wurden Ab-