<13>

Ein dritter Grundsatz seiner Staatslehre heißt: „In neueroberten Ländern soll man Siedlungen anlegen, so wird man sich die Treue der neuen Bürger sichern.“ Der Verfasser beruft sich darauf, daß es die Römer so gehalten, und tut sich was darauf zugute, wenn er hier und da in der Geschichte Beispiele ähnlicher Ungerechtigkeiten, wie er sie empfiehlt, vorfindet. Dies Verfahren der Römer war ebenso ungerecht wie alt. Mit welchem Rechte tonnten sie rechtmäßige Besitzer von Haus, Boden und Habe vertreiben? Weil man's straflos tun kann, ist Machiavells Begründung, da die Entrechteten arm und zur Rache zu schwach sind. Welch ein Gedankengang ! Du bist mächtig, deine Untergebenen sind schwach, also kannst du sie ohne Scheu vergewaltigen. So wär's also nur die Furcht, was den Menschen vom Verbrechen abhalten kann — nach Machiavell. Allein kraft welches Rechtes darf sich denn ein Mensch so unbeschränkte Gewalt über seinesgleichen anmaßen, daß er frei mit ihrem Leben und ihrem Eigen schaltet, und wenn's ihn gut dünkt, sie dem Elend preisgibt? Sicherlich, so weit geht auch Erobererrecht nicht. Sind denn die Gemeinschaften nur gebildet und hergerichtet als Opfer für die sinnlose Leidenschaft niedriger Selbstsucht und Ehrgier? Ist diese Welt nur dazu da, die Tollheit und Wut eines entarteten Tyrannen zu sättigen? Kein vernünftiger Mensch wird jemals dergleichen Ansichten behaupten, es müßte ihn denn maßlose Ehrbegier blind machen und in ihm die Helle des gesunden Menschenverstandes und menschlichen Gefühles verdunkeln.

Grundfalsch ist es, daß ein Fürst straflos unrecht tun könne: Mögen seine Untertanen ihn nicht auf der Stelle dafür strafen, mag selbst der Blitz des Himmels ihn nicht zerschmettern, wenn das Maß voll ist — sein Ruf in der Welt wird doch dahin sein, sein Name wird unter denen genannt werden, die der Schrecken der Menschheit heißen, und der Abscheu seiner Untertanen wird seine Strafe sein. Was sind das für politische Grundsätze: nur kein Unrecht halb tun, lieber mit Stumpf und Stiel ein Volk ausrotten, oder wenigstens es so schinden und so gründlich knechten, daß es euch niemals mehr gefährlich sein kann, das letzte Fünkchen der Freiheit zertreten und die Zwingherrschaft bis auf den Eingriff in das Eigen, die Gewalttat bis auf das Leben der Herrscher ausdehnen! Nein, eine größere Abscheulichkeit ist undenkbar. Solche Regeln sind ebenso unwürdig einer gesunden Vernunft wie eines redlichen Herzens. Da ich diesen Punkt im fünften Kapitel des längeren zu widerlegen gedenke1, verweise ich den Leser dahin.

Sehen wir nun zu, ob diese Siedlungen, die nach Machiavell dem Fürsten einen solchen Aufwand von Untaten lohnen sollen, wirklich so wertvoll sind, wie der Verfasser behauptet. Entweder schickt man in das neueroberte Land Kolonisten stark an Kopfzahl oder nur schwach. Im ersten Fall wird der eigene Staat bedenklich entvölkert und im eroberten eine große Schar der neuen Untertanen verjagt — das


1 Vgl. S. 20.