<410>

Vierter Gesang
Festungskrieg

Als in die Welt einst, in der ehrnen Zeit,
Das Laster trat und Recht der Stärke wich,
Umhüllten vor des Feindes Raubgier sich Die ersten Städte mit dem Mauerkleid,
Und bald erhoben sich mit starken Wällen Die Königsburgen wider die Rebellen.
Auf steiler Höh', wo Flüsse sich vereinen,
Ragte das Bollwerk, stand im Zinnenkranze
Die Feste, hochgetürmt aus Quadersteinen,
Und um die Grenzen zog sich Wall und Schanze.
Gleichwie der Leu dem Wüstensohn, dem scheuen,
Der Zähne grause Doppelreihe weist,
So trotzt die starke Grenzwehr nun dem Dräuen
Der Feindesschar, die wütend sie umkreist
Und sich umsonst sie zu bezwingen müht.

Die erste Kunst, die allerotten blüht,
Ist die des Krieges; mählich reift sie aus.
Hellas und Rom beschirmen Hab' und Haus
Mit starken Mauern und mit hohen Türmen;
Von ihren Zinnen trotzen sie den Stürmen.
Bogen und Schleuder senden Todesgruß,
Und wenn der Feind schon eng den Mauerfuß
Umstellt und gegen ihn der Widder rennt,
Ergießt sich von der Wand ein Feuerbach
Von Pech und Harz, der sein Gerät verbrennt.
Das Wurfgeschoß schlägt durch der Schilde Dach,
Und Steine hageln, die den Feind zermalmen.
Schon mancher Feldherr hat den Siegespalmen
Entsagt und kriegesmüd sich abgewendet...

Seht, wie Marcellus, listenreich und kühn,
An Syrakus410-1 umsonst die Kraft verschwendet:

<411>

Des Archimedes Kunst trotzt allen Mühn!
Sie richtet die gestürzten Mauern auf,
Verbrennt sein Kriegsgerät, raubt ihm den Sieg.
Massilias Wall, den nie ein Feind erstieg,
Hemmt Cäsars stets erneuten Sturmeslauf,
Bis er, des Mühens satt, doch wagemutig,
Vom offnen Hafen in die Feste dringt411-1.
Lang ist der Kampf um jede Stadt und blutig;
Der größte Feldherr mit dem Schicksal ringt.


Da raubte — längst lag Cäsar in der Gruft —
Die Kriegesfurie aus Iovis Hand
Den Blitz, und eine neue Kunst entstand.
In weitem Bogen schleudern durch die Luft
Die Feuerrohre nun den Elsenball,
Und seine Wucht verdoppelt sich im Fall.
Die Mauer sinkt, es wankt der Städte First,
Wenn seine todesschwangre Weiche birst.
Von hohen Wällen donnert das Geschütz;
Die Flamme loht, und jählings wie der Blitz,
Im Augenblick, wo sich der Schlund entlädt,
Sein Eisenhagel Tod und Schrecken sät.
Doch immer stärker an die Mauern pocht
Der Bombenwurf und reißt die Bresche weit, —
Und'dieses Wunder einer neuen Zeit
Hat doch ein schwarzes Pulver nur vermocht.

Seit dies Geheimnis sich uns offenbart,
Ersann der Mensch, um Mittel nie verlegen,
Zum Schutz der Städte eine neue Art.
Vielfache Schranken schoben sich entgegen
Der neuen Kraft; die hohen Türme sanken.
Du, großer Vauban411-2, Schirm und Hort der Franken,
Und Meister jener neuen Festungskunst,
Von Mars begnadet mit der höchsten Gunst,
Steig nieder, unsre Jugend zu belehren!
Du schirmtest, unerschöpflich an Gedanken,
Vor englischem Geschütz und deutschen Heeren
Die Städte Frankreichs mit gehäuften Schranken
Und wußtest ihre Schrecken stets zu mehren.

<412>

Von vorgerückten Werken unterstützt,
Entsteigt der hohe Wall des Grabens Breite
Und birgt die Werke, die sein Mantel schützt:
Kein Schuß kann sie versehren aus der Weite.
Bastion bestreicht Bastion; zur Kehle biegt
Der Flanke runde Schulter sich zurück,
Und Lauf an Lauf, ein rechtes Meisterstück,
Das Ravelin sich in den Graben schmiegt.
Ein zweiter Wall schließt sich um diese Werke,
Und rings umgürtet sie mit neuer Stärke
Die Enveloppe, die den Platz umspannt;
Davor die Wassergräben und am Rand
Der Gegenmauer die gedeckten Wege,
Von Palisaden starrend, und das schräge
Glacis, das blutgetränkte Todesfeld,
Wo Mann dem Mann sich kühn entgegenstellt.

Wie ist der Menschengeist an Mitteln reich!
Wer riefe nicht, hat er den Bau durchdacht:
Hier hat die Kunst ihr Meisterwerk vollbracht!
Du sahst nicht alles! Steig ins Höhlenreich,
Das schaurig unter dem Glacis sich dehnt!
Die Hölle hat sich mit dem Haß verbündet;
Die Mine harrt des Funkens, der sie zündet,
Und Opfer fallen, wenn ihr Rachen gähnt.
Blut, Leichen, abgerißne Glieder, Waffen
Bedecken rings den Hang und Schlünde klaffen.

Trotz aller Schrecken sind in unsrer Zeit
Die Festen vor dem Falle nicht gefeit.
Zweischneidig sind die Waffen, die sie schützen;
Auch der Belagrer kann sie trefflich nützen.
Der Angriff geht nach Regeln. Kluger Sinn
Bricht freie Bahn sich durch Gefahren hin.
Erst ziehe um die Feste weite Kreise;
Und fürchtest Du, es werde, sie zu retten,
Ein Heer sich nahen, so beschirme weise
Mit Wall und Graben Deine Lagerstätten.
Dann dringe wühlend mit dem Spaten vor,
Und wenn Dich Mars zu seinem Sohn erkor,
Zieh Deine Linien eng. Ein leerer Graben,
<413>Nicht Mann an Mann besetzt, ist wirkungslos.
Der Feind muß sehen: Deine Zahl ist groß,
Und auch Reserven mußt Du reichlich haben.

Damit der Feind Dir nicht das Werk verleide,
Schaff Vorrat an von Kost und von Getreide;
Dann spotte sein: Du bist der Sorgen quitt!
Erspäh des Platzes Mängel, seine Stärke;
Den Angriff richte auf die schwächsten Werke;
Bau Dein Depot; dann weiter Schritt für Schritt.
Den Zirkel und die Richtschnur in der Hand,
Nah Dich im Zickzackweg den hohen Wällen
Und zieh um ihren Fuß die Parallelen;
Bau kugelsicher der Geschütze Stand.
Nun schleudern ihre Blitze die Kanonen;
Bollwerk auf Bollwerk sinkt; auf ihren Kronen
Verstummt die Antwort auf den Eisengruß.
Der Feind von dem gedeckten Weg entweicht,
Wie Dein Geschoß in seine Flanke streicht;
Du fassest auf dem Gegenwalle Fuß.


Doch unter Dir schläft tückisch ein Vulkan.
Hier mußt Du klug der Sonde Dich bedienen:
Such und zerstöre die versteckten Minen;
Mit tollem Wagemut ist nichts getan.
Eile mit Weile! Schone Deine Streiter;
Laß den Mineur sich wühlen in den Schacht.
Ist drunten erst dem Krieg ein End' gemacht,
Dringst Du gesichert mit der Sappe weiter
Bis zum Glacis auf wohlgebahntem Pfade.
Doch stürme dicht erst vor der Palisade
Mit den Kolonnen aus der Deckung vor.
Gar mancher Ruf und Ehre schon verlor
Auf diesem falschen, blutgedüngten Grund.

Nun bist Du seiner Herr! In dichtem Rund
Sind hurtig die Geschütze aufgestellt,
Die Schuß um Schuß das Mauerwerk zerstören,
Und unterwühlt von emsigen Mineuren
Der hohe Wall in sich zusammenfällt.
Quer durch den Graben bahnen sie die Gasse:
<414>Zum Sturme geht es; eine dichte Masse
Dringt durch die Bresche hinterm Feinde drein.
Verzweiflung packt ihn — und die Stadt ist Dein!
So war's, als der Franzosen Siegesdrang,
Planvoll geleitet, Valenciennes bezwang 414-1.

Gelingt der Sturm, so halte Deine Krieger
In strenger Zucht: denn wilder als ein Tiger
Ist der Soldat, vom Siegesrausch verblendet.
Nach Beute lüstern, jeder Zucht enthoben,
Reißt seine Wut ihn fort zu blindem Toben,
Und durch Verbrechen wird Dein Sieg geschändet.
Es welkt der Lorbeer auf des Feldherrn Haupt,
Und hätt' er auch die halbe Welt bezähmt,
Wenn er sich selber nicht des Plünderns schämt
Und duldet, daß der Krieger brennt und raubt.
Der ganzen Menschheit Fluch gen Himmel gellt: Du bist verfemt; vergessen ist der Held.
Umsonst hat Tilly sich mit Ruhm bedeckt
In Kaisers Dienst — sein Name ward entweiht
Und aus dem Buche der Unsterblichkeit
Getilgt durch eine Tat, die ihn befleckt.
O Magdeburg, Du Denkmal seiner Schmach414-2,
Es weiß die Welt, was er an Dir verbrach!
Mög' Euch mein Lied dies grause Bild enthüllen,
Mit Abscheu Eure Seele zu erfüllen!

Durch Tillys heuchlerische Friedenskunde,
Die leicht geglaubt von Mund zu Munde stiegt,
Ist Magdeburg in sichre Ruh gewiegt.
Die Wache auf des starken Walles Runde
Sinkt müd ins Gras; die harte Lagerstätte
Der Mauer tauscht so mancher mit dem Bette.
Ein Trugbild mit der Friedenspalme winkt; Die ganze Stadt in tiefen Schlummer sinkt.
Rings Ruhe, Schlaf; — nur Tillys Tücke wacht.
Er ordnet seine Scharen in der Nacht
Und naht der Stadt, noch eh der Morgen graut.
Mühlos erklimmt er die verlaßnen Schanzen,

<415>

Um Östreichs Banner auf den Wall zu pflanzen.
Unselig Volk, das einem Trugbild traut!
Dir droht Verrat! Der Friede flieht; es naht
Der Tod, der grause Tod im nächtigen Dunkel.
Siehst Du in Mörderhand das Schwertgesunkel
Und Gier und Wut, bereit zur Freveltat?
Die Erde bebt; des Himmels Zorn erfüllt
Die Luft mit Blitzen, und der Donner brüllt.
Umsonst! Nichts schreckt den grimmen Würger,
Schon wälzen sich die zügellosen Horden
Rings durch die Stadt mit Plündern, Rauben, Morden;
Die Mauern rauchen von dem Blut der Bürger.

Befriedigt von dem Werk, mit kalter Ruh
Sieht Tilly diesen Freveltaten zu,
Spornt selber an, und auch den sanftren Sinn
Reißt solches Vorbild zum Verbrechen hin.
Nicht Häuser schonen sie, nicht heilige Stätten.
Wer widersteht, wer flieht, nichts kann ihn retten
Vor ihrem Grimm: sie kennen kein Erbarmen!
Es stirbt der Säugling in der Mutter Armen
Und sie mit ihm. Den Knaben trifft das Schwert
Mitsamt dem Vater, der den Mördern wehrt.
Nur Gräul und Frevel sieht man allerwärts;
Klein Flehn erweicht der Ungeheuer Herz.
Sie schlachten eine todesbleiche Schar
Hilfloser Greise ruchlos am Altar.
Man sagt, um sichrer Schande zu entgehn,
Daß Jungfraun vor den Lüsten der Verruchten
Den Tod im bluterfüllten Elbstrom suchten.


Doch welchen neuen Schrecken muß ich sehn?
Wo eilt Ihr hin, von welchem Wahn berückt,
Der Euch die Fackel in die Hände drückt?
Dämonen seid Ihr, Helden nimmermehr!
Rot von den Dächern schon die Flamme loht.
Unselige Stadt, der Trojas Schicksal droht!
Rasch wächst der Brand; schon wogt ein Feuermeer,
Und aus dem Flammenschoß dringt das Gewimmer
Der Opfer, hingerafft von Schwert und Glut.
<416>Verbrechen, unnatürlich, sinnt die Wut.
Dem finstren Abgrund ohne Hoffnungsschimmer,
Dem Ort der Flammen und der ewgen Pein,
Gleicht Magdeburg in dieser Schreckensstunde,
Ja grauser noch als dort im Höllenschlunde
Rings Henker, Glut und der Gequälten Schrein.
Entweihte Tempel und zerstörte Mauern,
Erleuchtet von dem Schein der Feuersbrünsie,
Und leere Gassen rings — zum Ort der Trauer,
Zur Wüste ward die Stadt, wo jüngst die Künste
Des Friedens blühten. Des Gemetzels satt,
Ruht, sich des Frevels brüstend, der Soldat.
Die Elbe flieht entsetzt den Ort der Schrecken,
Wo blutige Leichen ihren Strand bedecken.

Ward Tilly Glück durch diesen Sieg beschert?
Was er gewann, die Flamme hat's verzehrt,
Und Magdeburg war nur ein großes Grab,
Das Zeugnis für des Siegers Frevel gab.
Den Trümmern sah er Furien entsteigen
Und ihm die himmlische Vergeltung zeigen.


410-1 Eyrakus fiel 212 v.Chr. nach langer Belagerung durch die Römer unter Marcus Claudius Marcellus.

411-1 Massilia, das heutige Marseille, fiel 49 v. Chr.

411-2 Vgl. S. 402.

414-1 1677. -

414-2 Für die Eroberung Magdeburgs am 20. Mai 1631 vgl. Bd. I, S. 44f.