<115>prinz plötzlich die Stadt Dorsten ein und eroberte sie. Die Besatzung mußte die Waffen strecken. Durch die Einnahme von Dorsten kam der Erbprinz in die Nähe von Wesel und konnte so der französischen Armee die Zufuhr abschneiden. Infolge dieses Streiches kam Soubise in Verlegenheit und mußte die Blockade von Münster aufgeben. Er zog sich über Dülmen nach Haltern zurück.

Durch den Abmarsch des Erbprinzen aus Niedersachsen hatte Broglie mehr Freiheit bekommen. Er rückte nun nach Einbeck und der Leine vor. Daraufhin teilte Prinz Ferdinand seine Armee, ließ die eine Hälfte an der Weser und zog mit der anderen an die Diemel, um dort das Korps Stainville zu überfallen. Aber der französische General durchschaute den Plan des Prinzen, zog sich eilig zurück und warf sich in das befestigte Lager bei Kassel. Durch Stainvilles Schnelligkeit war der Plan des Prinzen also vereitelt. Nun traf dieser Anstalten zur Einnahme von Münden. Darob erschrak Broglie derart, daß er mit seiner halben Armee heranzog. Bei seinem Anmarsche gingen die Alliierten auf Hofgeismar zurück. Als Broglie mit seinen Truppen bei Münden nichts mehr zu tun fand, sandte er Stainvllle Verstärkungen und kehrte mit dem Rest seiner Mannschaft nach Einbeck zurück.

Eine Belagerung von Münster durch Soubise war bei der vorgeschrittenen Jahreszeit nicht mehr zu befürchten. Das Detachement des Erbprinzen war nun in Niedersachsen nötiger als in Westfalen, und so schickte ihm Prinz Ferdinand Befehl, sich mit ihm an der Diemel zu vereinigen. Gleich nach seinem Eintreffen rückten die Alliierten gegen Stainville vor. Wieder zog er sich zurück, und abermals eilte ihm Broglie mit einem Teil seiner Leute zu Hilfe, ließ aber seine Hauptarmee auf dem Solling zwischen Holzminden und Lauenförde stehen. Als die Alliierten ihr Vorhaben durchkreuzt sahen, drangen sie in das Fürstentum Waldeck ein; denn dort waren mehr Vorräte als in Hessen zu finden. Broglie erkannte, daß der Plan der Alliierten nur darauf hinausging, ihn durch Diversionen von seinen Unternehmungen abzubringen, und so beschloß er, es ebenso zu machen. Er schickte den Grafen von der Lausitz mit 8 000 bis 9 000 Sachsen ins Herzogtum Braunschweig zur Belagerung von Wolfenbüttel. Nach schwachem Widerstand ergab sich die Stadt1. Dann wandte sich der Graf gegen Braunschweig und berannte es. Prinz Ferdinand hatte Luckner zum Entsatz von Wolfenbüttel geschickt, aber der kam zu spät. Als jedoch kurz darauf Prinz Friedrich von Braunschweig2 zu ihm stieß, vollbrachte der ehrliebende, von edlem Ruhmesdrang erfüllte Prinz sein erstes Heldenstück, indem er die feindliche Stellung in Ölper mit Sturm nahm3. Dann warf er sich nach Braunschweig, zwang den Feind zur Aufhebung der Belagerung und danach zur schleunigen Räumung von Wolfenbüttel. So schlug Alexander, kaum dem Knabenalter entwachsen, im Heere seines Vaters Philipp die Athener mit dem ihm unterstellten Reiterflügel4.


1 Vgl. S. 111.

2 Prinz Friedrich, der zweite Sohn Herzog Karls. Er trat 1763 als Generalleutnant in das preußische Heer.

3 In der Nacht zum 14. Oktober 1761.

4 In der Schlacht bei Chäronea (338 v. Chr.).