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Man muß zugeben, daß es nirgends schwerer ist, Krieg zu führen, als in Böhmen. Das Land wird von einer Gebirgskette umschlossen, die den Einmarsch und Ausmarsch gleich gefahrvoll macht. Selbst wenn man die Stadt Prag erobert hat, braucht man ein ganzes Heer, um sie zu halten, und dadurch wird das Korps, das gegen den Feind wirken soll, zu sehr geschwächt. Magazine kann man in Böhmen nur zur Winterszeit anlegen, wo die Einwohner ihre Dörfer nicht verlassen können. Einige fruchtbare Gegenden können zwar Lebensmittel für große Heere liefern. Dort wird es nie an trocknem und frischem Futter fehlen. Aber andre gebirgige und bewaldete Kreise sind zu unfruchtbar, als daß eine Armee sich lange in ihnen halten könnte. Überdies ist in ganz Böhmen kein verteidigungsfähiger Ort. Wenn die Österreicher also den Gegner ohne Schlacht aus Böhmen vertreiben wollen, so können sie ihn aushungern, indem sie ihm alle Verbindungen abschneiden. Die Gebirgskette, die Böhmen rings umgibt, liefert einem erfahrenen Offizier alles, was er nur wünschen kann, an Engpässen und Stellungen, um die Transporte abzufangen. Es gibt nur eine Methode, Böhmen zu erobern.

Kein General beging mehr Fehler in diesem Feldzuge als der König. Der allererste war zweifellos der, daß er nicht Magazine genug angelegt hatte, um sich wenigstens sechs Monate in Böhmen halten zu können. Wer das Gebäude eines Heeres errichten will, muß bekanntlich den Magen zur Grundlage nehmen1. Aber das ist nicht alles. Der König rückt in Sachsen ein. Er weiß, daß die Sachsen dem Wormser Vertrag beigetreten waren2: er mußte sie also entweder zwingen, seine Partei zu ergreifen, oder sie zerschmettern, bevor er den Fuß nach Böhmen setzte. Er belagert Prag und schickt ein schwaches Detachement nach Beraun gegen Batthyany. Hätte diese Truppe nicht Wunder an Tapferkeit vollbracht, so traf ihn selbst die Schuld an ihrer Vernichtung. Nach der Eroberung Prags wäre es sicherlich richtig gewesen, mit der Hälfte des Heeres stracks auf Batthyany loszugehen, ihn noch vor Ankunft des Prinzen von Lothringen aufzureiben und das Magazin in Pilsen wegzunehmen, dessen Verlust den Österreichern die Rückkehr nach Böhmen unmöglich gemacht hätte. Sie hätten erst von neuem Lebensmittel zusammenbringen müssen. Das hätte Zeit gekostet, und so wäre der Feldzug für sie verloren gewesen. Nur daß die preußischen Magazine nicht eifrig genug angefüllt wurden, ist nicht die Schuld des Königs, sondern der Proviantkommissare, die das Geld für die Lieferungen zwar einsteckten, aber die Magazine leer ließen. Doch wie konnte der König so schwach sein, den Feldzugsplan des Marschalls Belle-Isle anzunehmen und nach Tabor und Budweis zu rücken, wo er doch selbst einsah, daß dieser Marsch weder den Umständen, noch seinem Vorteil, noch den Regeln der Kriegskunst entsprach? So weit darf man die Nachgiebigkeit nicht treiben. Dieser Fehler zog eine Menge andrer nach sich. War es schließlich wohl richtig, seine Armee in Kantonnementsquartiere zu legen, wo


1 Ilias, XIX. Gesang, Vers 160—170.

2 Vgl. S. 155.