<67> Kontribution wurde nach dem gleichen Maßstab festgelegt wie in Ostpreußen. Die Geistlichen entrichteten ihre Abgaben nach dem Muster der schlesischen Bischöfe und Äbte. Die Starosteien wurden zu Domänen gemacht. Sie waren Lehen auf Lebenszeit gewesen, wie die der Timarlis in der Türkei1. Der König entschädigte die Besitzer durch einmalige Abfindung in Höhe von 500 000 Talern. Das halbwilde, barbarische Land erhielt Post, vor allem aber Gerichte, etwas, das in jenen Gegenden kaum dem Namen nach bekannt war. Eine Anzahl ebenso wunderlicher wie maßloser Gesetze wurde abgeschafft; als oberste Instanz für die Rechtssprechung ward das Kammergericht in Berlin eingesetzt. Der König ließ für 700 000 Taler einen Kanal von Nakel nach Bromberg graben, der die Netze mit der Weichsel verband2. Dadurch erhielt dieser Strom direkte Verbindung mit Oder, Havel und Elbe. Der Kanal bot auch noch den Vorteil, daß er die stehenden Gewässer in weiten Landstrichen ableitete, wo nun fremde Kolonisten angesiedelt werden konnten. Alle Wirtschaftsgebäude waren verfallen; ihre Wiederherstellung kostete über 300 000 Taler.

Die Städte waren im traurigsten Zustande. Kulm hatte wohl gute Stadtmauern und große Kirchen, doch an Stelle von Straßen sah man nur die Keller der Häuser, die dort einst gewesen waren. Auf dem Marktplatz standen 40 Häuser, davon 28 ohne Türen, Dächer und Fenster und ohne Besitzer. Bromberg war im gleichen Zustand. Der Ruin der Städte datierte vom Jahre 1709, wo die Pest dort gewütet hatte; doch die Polen kamen garnicht auf den Gedanken, daß man den Schaden wieder gutmachen müsse. Man wird es schwerlich glauben, daß in diesen unglücklichen Gegenden ein Schneider eine Seltenheit war. Man mußte in allen Städten welche ansiedeln, ebenso Apotheker, Stellmacher, Schreiner und Maurer. Die Städte wurden wiederaufgebaut und bevölkert.

Kulm erhielt ein Kadettenkorps für 50 junge Adlige, deren Lehrer sich die größte Mühe geben, sie zu unterrichten; 180 protestantische und katholische Schullehrer wurden in den verschiedenen Orten angestellt und von der Regierung besoldet. Was Erziehung war, wußte man in jenem unglücklichen Lande überhaupt nicht; daher auch seine Sittenlosigkeit und Unwissenheit. Schließlich wurden über 4 000 Juden, die bettelten oder die Bauern bestahlen, nach Polen abgeschoben.

Da der Handel den Hauptzweig der Erträge Westpreußens bildet, suchte man ihn auf alle Weise zu heben. Am meisten gewann dadurch Elbing, das den früher von Danzig betriebenen Handel an sich riß. Eine Handelsgesellschaft für den Verkauf von Salz bildete sich, die für eine jährliche Abgabe von 70 000 Talern an den König von Polen das Salzmonopol für ganz Polen erhielt. Dadurch wurden die Österreicher gezwungen, ihr Salz aus Wieliczka an sie zu verkaufen, was die Gesellschaft sehr in Blüte brachte.


1 Timar ist das Lehngut, das die türkischen Krieger auf Lebenszeit erhielten, und nach dem sie ihren Namen Timarli führten.

2 Der Bromberger Kanal wurde 1772 begonnen und 1775 vollendet.