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DREISSIGSTES KAPITEL Fortsetzung des Feldzuges von 1758. Zorndorf.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Siebenjährigen Krieges und zu denjenigen Umständen, die Friedrich vorzugsweise Gelegenheit gaben, seine Feldherrngröße zu entfalten, daß er fort und fort von einem Unternehmen zu dem andern eilen mußte, daß er den Gegnern, die ihn auf verschiedenen Seiten bedrängten, nicht anders die Stirn bieten konnte, als indem er rastlos mit seiner Armee die weitesten Märsche machte und hiedurch die geringe Zahl seiner Truppen vielfach verdoppelte. Das vorige Jahr hatte ihn in Böhmen, in der Lausitz, in Thüringen, Sachsen und Schlesien gesehen; jetzt war er kaum aus Mähren und Böhmen zurückgekehrt, als er wiederum genötigt war, sich unverzüglich nach der entgegengesetzten Seite zu wenden. Die Russen hatten, unter dem Kommando des Feldmarschalls Fermor, ihr schwerfälliges Heer in Marsch gesetzt, waren langsam durch die nördlichen Provinzen des damaligen Polens (Westpreußen und Posen) gezogen, hatten am 2. August die Grenzen der Neumark überschritten und bedrohten nun das Innere der Staaten Friedrichs mit all den Greueln, welche ihre ungeregelten Kriege mit sich führten. Denn so mäßig sie sich in Preußen, das fortan als eine russische Provinz gelten sollte, betragen hatten, so wilde Bar<315>bareien übten sie an denjenigen Orten aus, die sie als feindliche Besitzung anerkannten. Brand, Blut und Elend bezeichneten ihre Schritte; die blühenden Fluren, über die sie gezogen waren, lagen als eine Wüste hinter ihnen.

Als die Russen sich den märkischen Grenzen näherten, war ihnen jenes Armeekorps entgegengezogen, welches im vorigen Jahre in Preußen gekämpft hatte und jetzt, unter dem Befehl des Grafen Dohna, die Schweden in Stralsund eingeschlossen hielt. Zu schwach jedoch, um gegen die Übermacht der Feinde etwas Entscheidendes unternehmen zu können, lagerte sich Dohna an der Oder und begnügte sich, das linke Ufer des Flusses zu decken und die Besatzung der Festung Küstrin zu verstärken, als Fermor mit seiner Hauptmacht gegen dieselbe vorrückte. Eine regelmäßige Belagerung dieses Ortes ließ die nächste, sumpfige Umgebung nicht zu; wohl aber hoffte Fermor, die Besatzung durch ein Bombardement zur Übergabe zu zwingen und auf diese Weise einen festen Waffenplatz an der Oder zu gewinnen. Eine ungeheure Menge von Bomben und Granaten wurde am 15. August in die Stadt geworfen, so daß alles in kurzer Frist in Flammen aufging. Die Einwohner der Stadt und die Menge der Bewohner des Landes, die hinter den Wällen von Küstrin Schutz gesucht vor den barbarischen Horden, sahen all ihre Habseligkeiten den Flammen preisgegeben und konnten nichts als ihr Leben retten, indem sie sich über die Oder flüchteten. Fermor ließ mit dem Bombardement so lange fortfahren, als nur noch Brandgeschosse in seinem Lager vorhanden waren. Doch war seine Absicht umsonst. Die Festungswerke blieben unversehrt; und als nach fünf Tagen der Kommandant zur Übergabe aufgefordert ward, mit dem Androhen, daß man, wenn die Übergabe nicht erfolge, sofort zum Sturme schreiten und die ganze Besatzung niedermetzeln würde, so erklärte jener, daß er sich bis auf den letzten Mann zu verteidigen gedenke.

Unterdes war ein besonderes Korps der russischen Armee gegen Pommern gesandt und die schwedische Armee aufgefordert worden, in Übereinstimmung mit den russischen Truppen vorzuschreiten. So hatte die Gefahr den höchsten Punkt erreicht. Doch verfuhren die Schweden äußerst langsam, und zwar auf den Rat des französischen Gesandten, dessen Wunsch es war, daß sie, um die französischen Armeen zu unterstützen, ihren Marsch gegen die Elbe wenden möchten. Und schon war der Retter nahe. Am 21. August traf Friedrich im Lager des Grafen Dohna, Küstrin gegenüber, ein und brachte 14,000 Mann seiner erprobten schlesischen Armee mit, die er, auf die Nachricht der drohenden Gefahr, der Sommerhitze zum Trotz in fliegenden Märschen von der böhmischen Grenze herübergeführt hatte. Gleich nach seiner Ankunft musterte er das Korps des Grafen Dohna. Der stattliche Aufzug, in dem dasselbe an ihm vorüberzog, fiel ihm auf; er wandte sich zu Dohna und <316>bemerkte gegen diesen laut, wohl an die vorjährige Niederlage der Truppen gedenkend: « Ihre Leute haben sich außerordentlich geputzt; ich bringe welche mit, die sehen aus wie die Grasteufel, aber sie beißen! »

Aber tiefe Trauer und heißes Rachebegehren mußten das Gemüt des Königs erfüllen, als er die rauchenden Trümmer der Stadt und all die Verwüstungen vor sich sah, welche die barbarischen Horden in seinem Lande angerichtet, und das Elend der Bewohner, die von ihm Linderung ihres grausamen Schicksales begehrten. Mildreich tröstete er die Unglücklichen auf den Brandstätten Küstrins. « Kinder », sagte er zu ihnen, als sie ihm treuherzig die einzelnen Umstände ihrer Leiden erzählten, — « Kinder, ich habe nicht eher kommen können, sonst wäre das Unglück nicht geschehen! Habt nur Geduld, ich will euch alles wieder aufbauen. » Auch bewährte er sein Wort durch die Tat und ließ ihnen augenblicklich, zur Bestreitung ihrer nächsten dringenden Bedürfnisse, die Summe von 200,000 Talern auszahlen. Schnell beschloß er, den Feind zur schweren Verantwortung zu ziehen. Während in der Nähe von Küstrin auf die russischen Verschanzungen gefeuert ward, so daß man glauben mußte, er werde hier sofort zum ernstlicheren Angriffe schreiten, ließ er mit dem Beginne der Nacht sein Heer aufbrechen, um eine Strecke unterhalb Küstrin unbemerkt die Oder überschreiten zu können. Als die Armee sich zum Abmarsch anschickte, <317>ritt er die Reihen entlang, begrüßte noch einmal seine Tapfern und rief ihnen freundlich zu: « Kinder, wollt ihr mit? » Alles antwortete mit einem jubelnden Ja! Einer sagte Zu ihm: « Wenn wir nur erst russische Beutepferde hätten, da sollte es noch geschwinder gehen. » Der König antwortete mit Laune: « Die wollen wir schon bekommen! »

Am 23. August ward der Übergang über den Fluß bewerkstelligt und der Feind nunmehr im weiten Bogen umgangen. Das ganze Heer ward über die Greuelszenen, die sich hier überall den Augen darboten, zur leidenschaftlichsten Rache entflammt. Man sah nichts als brennende oder eingeäscherte Dörfer; in den Schlupfwinkeln der Wälder lagen die elenden Bewohner, denen der Feind auch das letzte, was sie an Nahrungsmitteln besaßen, genommen hatte. Willig gaben ihnen die menschenfreundlichen Soldaten das Brot, das sie mit sich trugen; dafür trugen ihnen die Bauern Wasser zu, ihren Durst in der brennenden Hitze zu löschen; auch fand man an vielen Orten vorsorglich große Gefäße, selbst Sturmfässer mit Wasser zu diesem Behufe auf die Straße gestellt.

Am Morgen des 25. August hatte Friedrich das russische Heer so weit umgangen, daß er dasselbe von der vorteilhaftesten Seite angreifen konnte. Eine gedehnte Ebene verstattete ihm einen freien Angriff, während im Rücken und zur Seite des Feindes sumpfige Niederungen und ein kleiner Nebenfluß der Oder befindlich waren. Die Brücken über den letzteren hatte Friedrich abbrechen lassen, da er dem Feinde allen Rückzug abschneiden wollte; er gedachte, das ganze feindliche Heer zu vernichten und so mit einem Schlage eine blutige Entscheidung zu erzwingen. Dann freilich durfte er hier nicht lange säumen, da er erwarten konnte, daß die Österreicher seine Abwesenheit bald zu gefährlichen Unternehmungen benutzen würden. <318>Darum hatte er auch die feindliche Bagage, die in einer Wagenburg abgesondert zur Seite stand und die durch ihn bereits von der Hauptarmee abgeschnitten war, nicht, was ohne Mühe hätte geschehen können, angegriffen; ohne bedeutenderes Blutvergießen hätte er hierdurch den Feind nötigen können, ein Land zu verlassen, in dem er sich nicht zu erhalten vermochte. Aber die Vollendung dieses Unternehmens hätte längere Wochen erfordert.

Die preußische Armee bestand aus 32 760 Mann, die der Russen aus ungefähr 52,000 Mann. Die letztere hatte sich, als Friedrich heranrückte, in einem Ungeheuern länglichen Viereck, Reiterei, Troß und Reserve in der Mitte, aufgestellt. Eine solche Aufstellung hatte sich in den Türkenkriegen, gegen die regellosen Angriffe eines wilden Feindes, bewährt gezeigt; gegen eine europäisch disziplinierte Armee war sie jedoch wenig zweckmäßig. Friedrich entschloß sich, mit seinem linken Flügel gegen die ungefüge Last des feindlichen Heeres vorzurücken, die rechte Ecke desselben in gewaltigem Stoße zu zerschmettern und von hier aus Verwirrung und Niederlage über seine dichtgedrängten Glieder zu verbreiten. Zwischen beiden Heeren lag das Dorf Zorndorf. Umherschwärmende Kosakenscharen hatten dasselbe in Brand gesteckt; aber der Rauch trieb den Russen entgegen und verhinderte sie, die Aufstellung des Gegners zu beobachten.

Am 9 Uhr begann der Angriff. Die Avantgarde und der linke Flügel der preußischen Armee rückten gegen die rechte Seite des russischen Heeres vor, die durch eine sumpfige Niederung von der Hauptarmee abgetrennt war. Das Geschütz begann sein furchtbares Spiel und wütete auf eine unerhörte Weise in den tiefen Reihen der Russen; durch eine Kugel sollen 42 Mann niedergestreckt worden sein. Der Troß im Innern der Scharen geriet in Verwirrung, die Pferde mit ihren Wagen rissen aus und brachen durch die Glieder; nur mit Mühe konnte man denselben zu einer Aufstellung hinter den Truppen sammeln. Die preußische Infanterie benutzte diese Verwirrung, zog eilig näher, feuerte heftig und warf das Vordertreffen der Russen. Aber der Aufmarsch der Preußen war mit mancherlei Ungeschick verbunden worden; ihre Scharen waren zum Teil getrennt, zum Teil in einer schwachen Linie geführt; die feindlichen Heerführer benutzten dies, und nun brachen das Fußvolk und die Reiterei der Russen mit dem wilden Rufe Ara, Ara! (Viktoria!) auf die Preußen ein, deren Infanterie in verwirrter Flucht sich zurückzog. Aber die preußische Kavallerie, unter Seydlitz, war bis dahin ruhig zur Seite vorgerückt. Als nun die Russen in Unordnung ihren Gegnern nachsetzten, gab Seydlitz, den richtigen Moment scharf erfassend, das Zeichen zum Angriff, und augenblicklich stürmten seine Scharen in geregelter Kraft auf die feindlichen Haufen ein. Jetzt erhob sich ein fürchterlicher <320>Kampf, der in der europäischen Kriegsgeschichte fast unerhört ist. Denn ob auch die ersten Reihen der Russen niedergeschmettert waren, so standen die nachfolgenden doch unerschütterlich fest. Auch diese wurden geworfen, aber immer ballten sich neue Massen zusammen, mit ihren Leibern dem Gegnern einen Wall entgegensetzend, der nicht anders als durch gänzliche Niedermetzelung erstiegen werden konnte. Ob sie auch ihre Pulvervorräte verschossen hatten, doch wichen die Russen nicht eher, als bis sie von der Klinge des Gegners durchbohrt niedersanken. Stundenlang währte dies Morden. Einige Haufen der Russen gerieten über ihre Bagage, plünderten die Marketenderwagen und öffneten die Branntweinfässer, nach dem berauschenden Tranke lechzend. Die Offiziere schlugen die Fässer in Stücke; einige warfen sich auf den Boden, den Trank auch noch im Staube aufzulecken, andere kehrten ihre Waffen in wilder Wut gegen ihre Befehlshaber und mordeten die, welche ihnen den Trank verschüttet. Endlich, nachdem die Mittagsstunde bereits vorüber war, endete der Kampf auf dieser Seite. Was von den Russen nicht niedergemetzelt lag, war in die Sümpfe versprengt. Seydlitz aber zog seine tapfern Scharen vor dem feindlichen Kanonenfeuer zurück, das nunmehr von der andern Seite auf ihn gerichtet ward.

Die übrigen Teile beider Armeen waren bis jetzt noch nicht zum Kampfe gekommen. Friedrich hatte sich auf dem rechten Flügel seiner Truppen befunden. Nun ordnete er seine Armee zum Angriff und rückte vor. Vor dem rechten Flügel befand sich eine Batterie, die, da sie durch einen beträchtlichen Zwischenraum von der Truppenlinie getrennt war, durch ein besonderes Bataillon gedeckt wurde. Auf diese stürzte sich eine große Schar feindlicher Kavallerie und nahm schnell die Batterie und jenes Bataillon gefangen. Dann sprengte sie der Armee entgegen; hier ward sie aber durch lebhaftes Feuer zurückgeworfen. Jetzt brach sich auch jenes gefangene Bataillon wieder zu den Seinigen Bahn, mit dem lauten Rufe: Viktoria, es lebe der König! Friedrich aber ritt zu ihnen heran und sagte: « Kinder, ruft noch nicht Viktoria; ich werde es euch schon sagen, wenn es Zeit ist! » — In dem Augenblicke stürzten neue Scharen der russischen Reiterei auf den linken Flügel der preußischen Armee. Dieser war aus den Regimentern des Grafen Dohna gebildet; ein Teil von ihnen war es gewesen, der schon bei jenem ersten Angriff auf den rechten Flügel der Russen geflohen war. Jetzt ergriff sie insgesamt bei dem Anbrausen der feindlichen Haufen ein panischer Schrecken; in schmachvoller Flucht verließen sie aufs neue das Schlachtfeld. Und wieder war es dem Helden des Tages, Seydlitz, vorbehalten, die bedrohliche Gefahr abzuwenden. Aufs neue stürmte er mit seinen tapferen Scharen auf die Feinde ein, warf die russische Kavallerie in wilder Unordnung <321>zurück und griff die noch stehenden Infanterietreffen der Russen, trotz des lebhaftesten Kartätschen- und Gewehrfeuers, mutig an. Bald kam auch Friedrich mit dem erprobtem Teile seiner Infanterie heran, und nun entstand wiederum ein Gemetzel, jenem gleich, welches dem rechten Flügel der Russen bereits den Untergang gebracht hatte. Mann kämpfte gegen Mann, keine Abteilung vermochte mehr Ordnung zu erhalten, Russen und Preußen, Infanterie und Kavallerie, alles war in dichten Knäueln durcheinandergedrängt. Friedrich selbst ward in Person auf eine Weise mit in das Gefecht verwickelt, daß seine Pagen um ihn her gefangen, verwundet und getötet wurden. Der furchtbare Staub des heißen Tages und der Pulverdampf hatten alle Gesichter unkenntlich gemacht; der König ward von seinen Truppen nur an der Stimme erkannt. Kein Teil wich dem andern an Mut, aber die Kriegszucht der Preußen trug den Sieg davon; es gelang den Führern, sie aus dem wilden Gewühl aufs neue in geregelten Scharen zusammenzuziehen, und als der Abend sank, waren die Russen, die nicht niedergemetzelt lagen, vom Kampfplatze zurückgedrängt.

Während Friedrich seine Armee zur Nachtruhe ordnete, suchten die Russen in einzelnen Haufen ihr Heil in der Flucht. Da sie aber überall die Brücken abgebrochen fanden, so hinderte dies die gänzliche Auflösung ihres Heeres, dessen Führer es sich nun auf alle Weise angelegen sein ließen, die Zerstreuten zu sammeln. Eine Schar von einigen tausend Russen hatte sich wieder auf dem Schlachtfelde aufgestellt. Gegen sie ließ Friedrich noch einmal Truppen marschieren; doch blieb dieser letzte, übrigens unbedeutende Angriff fruchtlos, da es teils an Munition fehlte, teils auch die Hälfte der Angreifenden, aus Bataillonen des linken Flügels bestehend, zum dritten <322>Mal vor dem feindlichen Feuer entfloh. Indes veranlaßte dieser kleine und für das Schicksal des Tages so ganz gleichgültige Erfolg den russischen Heerführer, prahlerische Siegesnachrichten nach Petersburg und nach den Höfen der Bundesgenossen zu senden, die sich gern auf kurze Zeit dem angenehmen Traume überließen.

Über Nacht hatten sich die Russen gesammelt und am folgenden Morgen sich aufs neue in Schlachtordnung gestellt. Es schien sich eine zweite Schlacht entspinnen zu wollen, und in der Tat begann auch eine Kanonade, die vier Stunden lang währte. Aber auf beiden Seiten war die Erschöpfung groß, zugleich fehlte es auch an Munition, so daß es zu keinem ernstlicheren Angriffe kam. Fermor hielt nun um einen Waffenstillstand von einigen Tagen an, unter dem Vorwande, die Toten zu begraben. Friedrich ließ ihm antworten, dies sei die Pflicht des Siegers. So benutzte Fermor die folgende Nacht, den linken Flügel des preußischen Heeres zu umgehen und seine Wagenburg wiederzugewinnen, wo er sich vorläufig verschanzte.

Gefangene waren am Tage der Schlacht von Zorndorf auf beiden Seiten nur wenige gemacht worden. Man hatte Pardon weder gegeben noch genommen. Man sagt, Friedrich selbst habe es verboten gehabt. Erst am folgenden Tage war eine größere Anzahl der versprengten Russen in die Hände der Preußen gefallen. Die Verluste im ganzen waren sehr bedeutend. Friedrich hatte über 11,000 Mann, die Russen das Doppelte verloren. An Trophäen hatten die Preußen 103 Kanonen und 27 Fahnen und Standarten erobert. « Der Himmel hat Ew. Majestät heute wieder einen schönen Sieg gegeben! » so redete der englische Gesandte, Sir Mitchell, der Friedrich in den Krieg gefolgt war, den letzteren auf der Walstatt an. « Ohne diesen », erwiderte Friedrich und zeigte dabei auf Seydlitz, « ohne diesen würde es schlecht mit uns aussehen! » Seydlitz aber lehnte das ehrenvolle Wort bescheiden ab und sprach das ganze Verdienst der gesamten Reiterei zu. Auch fand sich Friedrich veranlaßt, dem Feldmarschall Daun den wahren Erfolg der Zorndorfer Schlacht zu melden. Ihm war nämlich ein Brief des letzteren an Fermor in die Hände gefallen, worin dem russischen Heerführer geraten ward, er möge keine Schlacht wagen mit einem listigen Feinde, den er noch nicht kenne: er möge nur zögern, bis Dauns Unternehmen auf Sachsen zu Ende gebracht sei. Friedrich schrieb nun zurück: « Sie haben recht gehabt, dem General Fermor zu raten, daß er vor einem feinen und listigen Feinde, den Sie besser kenneten, auf seiner Hut sei. Denn er hat Stich gehalten und ist geschlagen worden. »

Unter den Gefangenen befanden sich fünf russische Generale. Als diese, noch auf dem Schlachtfelde, dem Könige vorgestellt wurden, so bedeutete er sie, wie er bedaure, daß er kein Sibirien habe, wohin er sie schicken könne, damit sie für ihre <323>barbarische Weise der Kriegführung bestraft und ebenso behandelt würden, wie in Rußland die preußischen Offiziere. Sie fanden darauf ihre Wohnungen in den gewölbten Kellern unter den Wällen Küstrins. Als sie dorthin geführt wurden und gegen einen solchen unziemlichen Aufenthalt protestierten, erwiderte ihnen der Kommandant, mit Rücksicht auf die Erklärung des Königs: « Sie haben, meine Herren, nicht mir, sondern der armen Stadt die Ehre angetan, sie zu beschießen, und sich selbst kein Haus übrig gelassen. Sie müssen für jetzt so vorlieb nehmen! » Indes gestattete Friedrich schon nach einigen Tagen, daß die russischen Generale ihre Keller verlassen und sich in der nicht abgebrannten Neustadt von Küstrin Wohnungen mieten durften. Ja, als darauf die Nachricht von einer mildern Behandlung der Preußen in Petersburg kam, so erlaubte er ihnen, nach Berlin zu gehen und selbst an den dortigen Hoffesten teilzunehmen. Damals waren es Gefangene fast aus allen europäischen Nationen, welche an den Hoftagen zu Berlin der Königin ihre Aufwartung machten.

Die preußische und die russische Armee hatten indes noch einige Tage untätig einander gegenübergestanden, bis am 1. September Fermor sich auf Landsberg zurückzog. Friedrich folgte ihm, sah sich indes schon am 2. September genötigt, mit einem Teile seiner Armee nach Sachsen aufzubrechen, wohin ihn neue Not der Seinen berief. Ein Korps von 16,000 Mann blieb zur Beobachtung der Russen zurück. Fermor rückte nun in Pommern ein und zog jene Abteilung seiner Truppen, die in Gemeinschaft mit den Schweden hatte operieren sollen, wieder an sich; dann sandte er ein anderes Korps nach dem Ufer der Ostsee, Kolberg zu belagern. Die Besatzung dieser Festung war sehr schwach, aber Landmilizen und selbst die gesamte <324>Bürgerschaft nahmen teil an der Verteidigung; ein mehrfach wiederholtes Bombardement blieb fruchtlos, und selbst ein Sturmangriff, nachdem die Russen bereits in den bedeckten Weg eingedrungen waren, wurde glücklich abgeschlagen. Endlich, am Ende Oktober, wurde die Belagerung aufgehoben, und die gesamte russische Armee zog sich, jenseit der Weichsel, in ihre Winterquartiere. — Den Fortschritten der Schweden war nach der Schlacht von Zorndorf durch ein besondres preußisches Korps Einhalt getan.