<32>

8. Kapitel

Von denen, die durch Verbrechen zur Herrschaft gelangten.

Die „Philippika“ von La Grange32-1 gelten für eine der schonungslosesten Schmähschriften, die je verfaßt sind, und nicht mit Unrecht. Meine Einwendungen indessen gegen Machiavell haben mehr Wucht als die Angriffe La Granges, ist doch sein Pamphlet gegen den Regenten von Frankreich im Grunde nur eitel Verleumdung; was ich aber gegen Machiavell vorbringe, sind Wahrheiten. Ich bediene mich ja zu seiner Widerlegung seiner eigenen Worte. Was könnte ich Ungeheuerlicheres von ihm aussagen, als daß er Regeln aufstelle „für die, die durch Verbrechen zur Herrschaft gelangen“? So seine Überschrift zu dem vorliegenden Kapitel!

Wenn Machiavell in einem Verbrecherseminar Lehrvorträge hielte, wenn er in einer Hochschule für Verrat ein Lehrgebäude der Treulosigkeit entwerfen wollte, dann wäre eine Behandlung solchen Stoffes nicht allzu verwunderlich. Nun aber spricht er zu der Gesamtheit der Menschen; denn ein Autor, der seine Arbeit drucken läßt, wendet sich an die Welt und vorzugsweise an diejenigen, welche die Besten sein sollen, da sie zu Herrschern über andere berufen sind. Kann's da also eine schändlichere, unverschämtere Zumutung geben, als solchen Lesern gute Lehren zu erteilen über Verrat, Falschheit, Meuchelmord und sonstige Untaten? Zum Wohle der Menschheit wäre es vielmehr wünschenswert, daß Erscheinungen wie ein Agathokles32-2 und Oliverotto da Fermo, die Machiavell mit Behagen anführt, ein für allemal unmöglich wären, oder daß man wenigstens ihr Andenken für immerdar aus dem Gedächtnis der Menschen tilgte.

Nichts wirkt verführerischer als das schlechte Beispiel. Das Leben eines Agathokles oder Oliverotto da Fermo ist geeignet, in einem Menschen mit dem dunklen Hang zum Verbrechen diesen gefährlichen Samen, den er ahnungslos in seinem Innern birgt, zur Entwicklung zu bringen. Wie viele junge Leute haben sich durch das Lesen von Romanen ihr Vorstellungsleben verderbt und sehen nur noch, denken nur noch wie Gandalin und Medor32-3. Es gibt in der Gedankenwelt etwas Ansteckendes, wenn ich mich so ausdrücken darf, was sich überträgt von Geist zu Geist. So führte <33>Karl XII., dieser ganz außerordentliche Mensch, dieser Abenteurerkönig, der wie eine Gestalt aus der alten Ritterzeit anmutet, dieser fahrende Recke, dessen große Eigenschaften alle in ihrer Steigerung ins Maßlose zu Lastern entarteten — so führte er von zartester Kindheit an die Lebensbeschreibung Alexanders des Großen bei sich, und viele, die diesen Alexander des Nordens näher gekannt haben, versichern, daß eigentlich Quintus Curtius33-1 Polen verwüstet habe, daß Stanislaus33-2 König ward nach dem Vorgange von Porus33-3, und daß die Niederlage von Pultawa eigentlich eine Schlacht von Arbela werden sollte.

Darf ich wohl nach so erhabenem Beispiel herabsteigen zu niedriger Geartetem? Ich meine freilich, in der Geschichte des menschlichen Geistes sind, philosophisch betrachtet, wenn man absieht von den Verschiedenheiten der Geschicke und des Standes, die Könige auch nichts anderes als Menschen und alle Menschen sich gleich, handelt sich's doch hier nur im allgemeinen um bestimmte Eindrücke und Einflüsse von außen her auf das menschliche Gemüt.

Ganz England weiß, was sich in London vor etlichen Jahren zutrug. Man gab ein sehr mäßiges Lustspiel mit dem Titel „Cartouche“33-4, in dem einige gewitzte Streiche und Gaunerstücke des berüchtigten Diebes vorgeführt wurden. Nach dem Schluß des Schauspiels entdeckten viele Leute, daß ihnen Ringe, Tabaksdosen oder Uhren fehlten. So schnell hatte Cartouche Schule gemacht, daß seine Lehren noch im Zuschauerraum zur Tat wurden und die Polizei sich veranlaßt sah, die gar zu gefährliche Aufführung dieses Lustspiels zu untersagen. Dies beweist wohl zur Genüge, wie verderblich böse Beispiele sein können und daß man bei der Aufstellung von VorbUdern gar nicht genug Umsicht und Klugheit walten lassen kann.

Machiavell erörtert zunächst die Ursachen der auffallenden Erscheinung, daß bei all ihren Grausamkeiten Agathokles und Fermo sich doch in ihren Staaten halten konnten, und erblickt sie darin, daß sie ihre Bluttaten zum rechten Zeitpunkte verübt hätten. Also Barbarei mit Bedacht und Tyrannei nach allen Regeln der Kunst heißt bei unserm Schandpolitiker: alle Gewalttaten und Verbrechen, die man für seine Zwecke erforderlich erachtet, auf einmal und auf einen Schlag erledigen.

Laßt hinmorden, wer euch verdächtig ist, die, denen ihr nicht traut und wer sich offen für euren Feind erklärt, aber säumet niemals mit eurer Rache! Taten wie die Sizilianische Vesper, Taten wie das grausige Blutbad der Bartholomäusnacht, wo Greuel geschahen, über die die Menschheit erröten muß, heißt Machiavell gut. Dem entmenschten Unhold bedeuten diese Greuel gar nichts; die Hauptsache: daß die Art ihrer Ausführung auf das Volk den rechten Eindruck mache und ihm einen heilsamen Schrecken einjage im Augenblicke, da der Schlag fällt. Und der Grund da<34>für: die Bilder solcher Vorgänge verblassen leichter im Bewußtsein der Menge als der Eindruck fürstlicher Gewalttaten, der sich immer wieder erneut, Gewalttaten, die ihr ganzes Leben hindurch den Ruf von ihrer Roheit, ihrer Barbarei wach halten — als wäre es nicht ebenso verwerflich und abscheulich, tausend Menschen an einem Tage umzubringen oder sie in längeren Zeiträumen erwürgen zu lassen! Die entschlossene, rasch zugreifende Wildheit der ersteren verbreitet in höherem Grade Schrecken und Furcht; die Gemeinheit der zweiten, die langsamer und berechneter ihren Weg geht, stößt dagegen mehr Abscheu und Entsetzen ein. An des Kaisers Augustus Leben hätte Machiavell erinnern sollen, der noch triefend vom Blute der Bürger, noch im Schmutze der Niedertracht seiner Proskriptionen den Thron bestieg, aber dann nach dem Rat Mäcens und Agrippas auf die Zeit der Bluttaten eine Zeit der Gnade folgen ließ, sodaß es von ihm hieß, er hätte entweder niemals geboren werden oder niemals sterben sollen. Vielleicht war es nicht nach dem Geschmack Machiavells, daß Augustus' Herrschaft besser endete, als sie begonnen, und er hat ihn aus diesem Grunde nicht für würdig befunden des Platzes unter seinen Großen.

Welch ein Abgrund, die Staatslehre dieses Autors! Mag's den Umsturz der Welt kosten: der Vorteil eines einzigen gilt! Seine Ehrgier braucht nur zu wählen, welche Niedertracht ihr recht ist, sie allein entscheidet, ob's in Gutem gehn soll, ob auf dem Wege des Verbrechens. Pfui über die Bedachtsamkeit eines Ungeheuers, das nur sich kennt, nur sich liebt in der weiten Welt und jegliche Pflicht der Gerechtigkeit und Menschlichkeit mit Füßen tritt, hingerissen vom Wahnwitz seiner zügellosen Launen!

Doch damit ist's nicht getan, die haarsträubenden sittlichen Begriffe Machiavells zurückzuweisen; auch der Entstellung und Unehrlichkeit haben wir ihn obenein zu überführen.

Falsch ist zunächst die Angabe Machiavells, Agathotles habe in Frieden die Frucht seiner Verbrechen genossen: er hat fast beständig mit den Karthagern im Kriege gelegen, wurde sogar gezwungen, sein Heer w Afrika zu verlassen, das dann nach seinem Abgang seine Kinder niedermachte, und starb selbst an einem Gifttrank, den sein Enkel34-1 ihm reichte. Oliverotto da Fermo fand sein Ende durch den Verrat des Borgia — ein wohlverdienter Lohn seiner Untaten; und dieser sein Fall, der ihn schon ein Jahr nach seiner Erhebung ereilte, scheint in seiner Beschleunigung nur der Strafe zuvorgekommen zu sein, die ihm der Haß des Volkes zugedacht hatte.

Dieses letzte Beispiel also hätte sich der Autor schenken können, es beweist nichts. Denn das Verbrechen soll ja vom Glück begünstigt werden; wo fände sonst Machiavell einen vernünftigen Grund, sich zu seinem Anwalt zu machen, oder wenigstens ein Beweismittel, das sich hören ließe?

Doch nehmen wir einmal an, ein Verbrechen ließe sich in voller Sicherheit ausführen und ein Tyrann wäre in der Lage, ungestört sein ruchloses Wesen zu treiben:<35> selbst wenn er nicht vor einem Ende mit Schrecken zittert, so wird es dasselbe Elend für ihn sein, sich als den Schandfleck des Menschengeschlechtes fühlen zu müssen; das Zeugnis seines Gewissens in seiner Brust, die mächtige Stimme, die auf den Thronen der Könige wie auf dem Richtersitz der Tyrannen laut wird, wird er nie zum Schweigen bringen; nie wird er der unseligen Umdüsterung des Gemütes sich entwinden können, seine erregte Einbildungskraft wird ihm aus ihren Gräbern die blutigen Schatten derer erstehen lassen, die seine Grausamkeit dort hinabgeschickt, und er wird sich sagen: nur darum dieser Bruch mit den Naturgesetzen, damit jene seine Henker werden auf dieser Welt und die eigenen Rächer ihres jammervollen Endes.

Man lese nur das Leben eines Dionysius35-1 nach, eines Tiberius, Nero, Ludwig XI., Iwan Wassiljewitsch35-2, und man wird sich überzeugen, daß diese Ungeheuer, ebenso kranken Hirnes wie verwilderten Gemütes, den denkbar unseligsten und traurigsten Tod gefunden haben. Der Grausame ist seiner Natur nach von menschenfeindlichem, schwarzgalligem Geblüte; kämpft er nicht von Jugend auf gegen diese unglückselige Veranlagung an, so muß er notwendigerweise im Fühlen und Denken verwildern. Selbst wenn es also keine Gerechtigkeit auf Erden und keine Gottheit im Himmel gäbe, ja dann erst recht wären die Menschen auf das Gute angewiesen; denn in ihm allein besitzen sie, was sie eint, was zu ihrer Erhaltung schlechthin unerläßlich ist, während das Laster ihnen nur Unheil und Verderben bringen kann.

Machiavell hat weder Herz noch Redlichkeit noch gesundes Denken. Die Verwerflichkeit seiner Grundsätze und seinen Mangel an Redlichkeit hab' ich an seinen Beispielen aufgezeigt. Jetzt will ich ihn grober und handgreiflicher Widersprüche überführen. In folgendem mag sein unerschrockenster Erklärer und spitzfindigster Aus, leger es versuchen, Machiavell mit Machiavell zu reimen. In vorliegendem Kapitel sagt er: „Agathokles behauptete seine Höhe mit dem Mute eines Helden, indessen darf man den Mordtaten und Verrätereien, die er begangen hat, nicht den Namen der Tugend geben.“ Und im siebenten Kapitel sagt er von Cäsar Borgia, er habe die Gelegenheit, sich der Orsini zu entledigen, abgewartet und mit Umsicht wahrgenommen. Ebenda: „Wenn man im großen und ganzen alle Taten Borgias durchgeht, so ist es schwer, sie zu tadeln.“ Und an derselben Stelle: „Er konnte nicht anders handeln, als er tat.“ Da darf ich wohl den Verfasser fragen: Worin unterscheidet sich denn Agathokles von Cäsar Borgia? Ich sehe hüben und drüben die gleichen Verbrechen, die gleiche Gemeinheit. Bei einer Nebeneinanderstellung käme man wirklich in Verlegenheit, zu entscheiden, wer von beiden der größere Schandbube war.

Die Wahrheit zwingt indes von Zeit zu Zelt unfern Machiavell zu Bekenntnissen, die eine Art Ehrenerllärung an die Tugend in sich schließen. Er kann sich eben dem nicht entziehen, was klar ist wie der Tag, und so führt er aus: „Ein Fürst soll sich in seinem Verhalten immer gleich bleiben, damit er nicht in Zeiten der Not sich zu<36> Zugeständnissen nach dem Herzen seiner Untertanen gezwungen sehe; denn in diesem Falle würde seiner erpreßten Güte kein Verdienst zukommen, und seine Völker würden ihm dafür keinen Dank wissen.“ Also Grausamkeit und die Kunst, die Welt in Schrecken zu halten, sind wohl doch nicht der Staatsweisheit letzter Schluß, Freund Machiavell, wie du uns einreden willst; mußt du doch selber zugeben, daß die Kunst, die Herzen zu gewinnen, für eines Fürsten Sicherheit und seiner Untertanen Anhänglichkeit die zuverlässigste Grundlage bietet. Mehr verlange ich nicht, dies Zugeständnis aus dem Munde meines Feindes muß mir genügen.

Es zeugt jedenfalls von geringer Selbstachtung und von ebensowenig Achtung vor dem Leser, ein formloses Werk, ohne Zusammenhang, ohne Ordnung und voller Widersprüche abzufassen und in die Welt zu schicken. Wenn wir ganz absehen von dem verderblichen sittlichen Standpunkt dieses Buches, kann der „Fürst“ Machiavells seinem Verfasser nur Verachtung eintragen; er ist wüst wie ein Traum mit einer wilden, drängenden Gedankenflucht, oder wie die Anfälle eines Hirnwütigen, der dann und wann einen lichten Augenblick hat.

So lohnt die Ruchlosigkeit denen, die, allem Guten zum Hohn, es mit dem Verbrechen halten; mögen sie der Strenge der Gesetze entrinnen, sie kommen um Urteil und Verstand, wie Machiavell.


32-1 Die „Odes philippiques“ von Joseph de La Grange-Chancel (1677—1758) waren gegen den Regenten Herzog Philipp von Orleans gerichtet.

32-2 Tyrann von Syrakus (361—289).

32-3 Gestalten des französischen Ritterromans „Amadis“.

33-1 Quintus Curtius Rufus war der Verfasser der „Historiae Alexandri Magni“.

33-2 Stanislaus Leszczynski (vgl. S. 14).

33-3 Statt des Inderfürsien Porus ist Abdolonymos, König von Sidon, gemeint.

33-4 „Voleurs et des tours de geux“ — wie Voltaire den Titel angibt — von Legrand und Riccoboni. Cartouche ward 1721 in Paris hingerichtet.

34-1 Archagathos.

35-1 Dionysius I., Tyrann von Syrakus (431—367).

35-2 Iwan IV., der Schreckliche (1533—1584).