<15>

2. Kapitel

Kriegerische und politische Ereignisse von 1746 bis 1756.

Mit dem Dresdener Frieden ging es wie mit den meisten politischen Verträgen. Er tat zwar den Feindseligkeiten Einhalt, ließ aber die Keime der Zwietracht zwischen Österreich und Preußen bestehen. So sehr sich der Wiener Hof auch verstellte, der Verlust Schlesiens hatte ihn zu tief getroffen. Mochte er sich auch alle Mühe geben, Haß und Erbitterung zu verbergen, er lieferte doch deutliche Beweise von beidem. So war also der Krieg zwischen beiden Mächten eigentlich nicht beendet, sondern hatte nur die Form gewechselt. Statt daß sich die Heere im Felde schlugen, setzten die Österreicher die Feindseligkeiten im Schoße ihres Kabinetts fort. Intrigen und Listen, Lug und Trug, das waren ihre Waffen, um Preußen mit allen europäischen Höfen zu entzweien und ihm Feinde zu schaffen — womöglich bis ans Ende der Welt. Für diese Machenschaften werden wir genügende Beweise erbringen. Der Ordnung und Klarheit halber wollen wir aber die wichtigsten Ereignisse an den verschiedenen europäischen Höfen der Reihe nach durchgehen.

Da der Krieg zwischen dem Wiener Hof und England einerseits, zwischen Frankreich und Spanien andrerseits nach dem Frieden zu Dresden unentwegt fortdauerte, so müssen wir eine kurze Darstellung der Kriegsereignisse geben, um nichts zu übergehen, was zum Verständnis unserer Geschichte beitragen könnte.

Die Heere der Kaiserin und der Verbündeten15-1 hatten in Flandern, wo der Marschall von Sachsen befehligte, kein Glück. Am Ende des Jahres gewann der Marschall die Schlacht von Rocoux (11. Oktober 1746). Die Schuld an ihrem Verlust gab man teils dem Fürsten von Waldeck15-2 und seiner schlechten Stellung, teils den Österreichern, die die Holländer nicht unterstützt hatten. Als Prinz Karl von Lothringen die Niederlage der Holländer sah, beauftragte er den Prinzen Ludwig von Braunschweig mit der Deckung ihres Rückzuges. Prinz Ludwig führte seinen Auf<16>trag so gut aus, daß die Verbündeten Maastricht erreichten, ohne daß ihnen die nachsetzenden Franzosen etwas anhaben konnten.

Den Feldzug des nächsten Jahres eröffnete der Marschall von Sachsen mit der Einnahme der meisten festen Plätze im holländischen Flandern. Ludwig XV. begab sich persönlich zur Armee, aber die Anwesenheit des Königs und seiner Minister war nur eine Erschwerung für den Marschall von Sachsen und fiel dem Heere sehr zur Last. Die Höflinge brachten ihre Intrigen auch ins Feldlager mit und arbeiteten überall dem General entgegen. Außerdem erforderte die große Hofhaltung täglich 10 000 Rationen für die Pferde. Aber trotz des Versailler Hofes behielt der Marschall von Sachsen in diesem Feldzug die Oberhand über die Feinde Frankreichs. Ursprünglich hatte er Maastricht belagern wollen. Um den Feind über seine Absicht zu täuschen, machte er eine Scheinbewegung gegen Bergen op Zoom. Der Herzog von Cumberland16-1 durchschaute die List und rückte in Eilmärschen auf Maastricht. Als der Marschall von Sachsen sah, daß der Feind ihm zuvorgekommen war, verließ er schleunigst sein Lager bei Mecheln und rückte auf die Höhen von Herberen jenseits St.-Trond. Die Verbündeten, die schon am Tage vorher bei der Komturei Jonc eingetroffen waren, hatten die Besetzung jenes wichtigen Höhenzuges versäumt. Unentschlossen in der Wahl des Schlachtfeldes und schwankend in ihren Entschlüssen, setzten sie Dörfer in Brand und löschten sie wieder, legten Truppen hinein und zogen sie wieder heraus. Ja, nachdem sie das Dorf Laveld noch am Morgen der Schlacht angezündet hatten, löschten sie das Feuer wieder und besetzten das Dorf, obgleich es 2 000 Schritt vor ihrer Front lag.

Bei Laveld begann die Schlacht (2. Juli 1747). Der Marschall von Sachsen, dem die planlosen Bewegungen der Verbündeten nicht entgangen waren, hielt das Dorf für unbesetzt und wollte sich seiner bemächtigen, fand es aber im Besitz des Feindes. Sofort begann er den Angriff. Nach wiederholtem Anstürmen und nach Aufopferung vieler Leute blieben die Franzosen schließlich Sieger. Die Einnahme von Laveld entschied den Kampf. Die Verbündeten zogen sich auf Maastricht zurück, ohne daß der Marschall von Sachsen sie verfolgt hätte. Denn Clermont-Tonnerre unterließ es trotz wiederholter Befehle, den Feind mit seiner Kavallerie anzugreifen: ein Ungehorsam gegen den Oberfeldherrn, für den er den Marschallsstab erhielt. So brachte der Sieg Ludwig XV. eigentlich nur den fruchtlosen Vorteil, auf dem Schlachtfelde kampieren zu können, und der Herzog von Cumberland rettete trotz seiner Niederlage Maastricht vor einer Belagerung.

Um jedoch nicht den ganzen Feldzug unnütz verstreichen zu lassen, wandte sich der Marschall von Sachsen gegen Bergen op Zoom und betraute Löwendahl mit dieser schwierigen Unternehmung. Coehoorns16-2 ausgezeichnete Festungswerke und die mit<17> bewundernswerter Kunst angelegten Minen waren fast die einzigen Verteidigungsmittel des Platzes. Der Gouverneur, Cronström, war neunzig Jahre alt und sein Geist ebenso gebrechlich wie sein Körper. Die Besatzung war nicht gerade hervorragend und die Offiziere ohne jede Erfahrung. Sie wußten nicht einmal, ob sie zur Verteidigung die Minen oder die Unterwassersetzung vorziehen sollten. Sie teilten also das Schicksal von Buridans Esel, der zwischen zwei Scheffeln Hafer gestorben sein soll, weil er sich zu keiner Wahl entschließen konnte17-1. Die Franzosen schritten zum Sturm und eroberten den Platz fast ohne Widerstand (16. September 1747). Der Gouverneur hatte kaum Zeit, sich in Nachtmütze und Schlafrock zu retten. Mit dieser Heldentat endeten für das Jahr 1747 die Erfolge der Franzosen in Flandern.

In Italien und in der Provence hatten die Kaiserlichen mehr Glück. Allerdings vereitelte eine Revolution in Genua den Zug des Grafen Browne17-2 gegen Toulon. Sie war ein Werk des Zufalls. Die Österreicher hatten einige Bürger mißhandelt, die Geschütze nach Antibes verschifften. Das Volk rottete sich zusammen, ergriff die Partei der Mißhandelten und verjagte in seiner ersten Wut den Marchese Botta und die ganze österreichische Besatzung aus Genua. Infolge dieses Racheaktes gingen dem Heere in der Provence die Lebensmittel und die Munition aus, und Browne mußte sich von dort zurückziehen. Auf dem Rückmarsch belagerte er Genua, das sich aber behauptete. Frankreich sandte Hilfstruppen unter Bouflers und später unter dem Herzog von Richelieu, die beide durch geeignete Maßnahmen alle Anstrengungen der Österreicher vereitelten. Nach Brownes Rückzug wollten die unter Belle-Isle17-3 vereinigten französischen und spanischen Truppen sich wieder nach Italien Bahn brechen. Die Franzosen erschienen zuerst am Col d'Assiette. Belle-Isle fand ihn nur schwach verteidigt und glaubte, den Durchmarsch erzwingen zu können. Er ließ die Spanier zum gemeinsamen Angriff auffordern. Sie brauchten aber drei Tage, bis sie herangerückt waren. Dadurch gewann der König von Sardinien17-4 Zeit zur stärkeren Besetzung des für ihn so wichtigen Passes. Unterdessen kamen die Spanier heran. Obgleich die Verhältnisse nun nicht mehr die gleichen waren, wollte Belle-Isle doch sein Vorhaben nicht aufgeben. Er griff die Sardinier mit großer Energie an und bot alles auf, was Mut und Kühnheit vermag, wurde aber getötet, als er eigenhändig eine Palisade der feindlichen Verschanzungen niederriß. Da er die Hindernisse nicht zu überwinden vermochte, die ihm Natur und Kunst entgegenstellten, so trugen seine Anstrengungen nur zur Vermehrung der Verluste bei. Die Franzosen und Spanier wurden überall geworfen, und ganz Frankreich betrauerte den Verlust so vieler Offiziere aus den vornehmsten Häusern. Die Öffentlichkeit, die so oft ungerecht und vorurteilsvoll ist und in diesem Falle augenscheinlich mangelhaft unter<18>richtet war, verurteilte das Unternehmen als tollkühn. Und doch war es nur kühn und wäre auch gelungen, hätte Belle-Isle seinen Plan sofort ausführen können. Nur die Langsamkeit der Spanier brachte ihn um die Lorbeeren, nach denen er schon die Hand ausstreckte.

Indessen entschädigten sich die Franzosen in Flandern für ihre Mißerfolge jenseits der Alpen. Der Siegergeist des Marschalls von Sachsen bezwang alle Feinde Frankreichs. Der Marschall eröffnete den Feldzug (1748) mit dem Aufbruch in mehreren Kolonnen, deren eine Luxemburg, die zweite Herzogenbusch, die dritte Venlo bedrohte. Sie vereinigten sich bei Maastricht, schlossen es ein und fingen an, es zu belagern.

So glänzend auch die Erfolge des Marschalls von Sachsen waren, so begannen selbst seine Triumphe Frankreich beschwerlich zu fallen. Lag man doch schon das achte Jahr im Felde, und die Fortsetzung des anfangs unglücklichen Krieges erschöpfte die Nation. Alle kriegführenden Mächte begannen des Kampfes müde zu werden, der nach so manchem Wechsel seiner Ursachen schließlich grundlos geworden war. Die Erbitterung war verraucht. Man dachte ernstlich an Frieden und fing an zu unterhandeln. Jedes Land fühlte seine geheimen Wunden und bedurfte zu ihrer Heilung der Ruhe. Die Engländer fürchteten das Anwachsen ihrer Staatsschuld, dieses Meisterwerkes eines imaginären Kredits, dessen Mißbrauch einen allgemeinen Bankrott nach sich zieht. Der kaiserliche Hof, durch englische Subsidien unterstützt, hätte den Krieg allerdings so lange fortgesetzt, wie ihm seine Verbündeten die Mittel dazu gestellt hätten. Dennoch war er auch zum Frieden geneigt. Er wollte seine Kräfte für ein Vorhaben aufsparen, das ihm mehr als der flandrische Krieg am Herzen lag. Frankreich litt unter seinen großen Ausgaben und mußte obendrein in den südlichen Provinzen, deren Häfen durch die englische Flotte blockiert wurden, eine Hungersnot befürchten. Zu diesen politischen Gründen, die das Versailler Ministerium offen anführte, traten als ausschlaggebend einige geheime Motive. Seit kurzem18-1 war Frau von Pompadour die Mätresse des Königs. Sie fürchtete, bei der Fortdauer des Krieges könne Ludwig XV. sich alljährlich an die Spitze seiner Truppen stellen. Zeiten der Abwesenheit aber sind gefährlich für Günstlinge und Mätressen. Sie erkannte, daß sie das Herz ihres Liebhabers nur zu fesseln vermochte, wenn sie jeden Vorwand zu einer Trennung beseitigte, mit einem Worte, daß Friede geschlossen werden mußte. Daran arbeitete sie nun mit aller Macht. Als Saint-Séverin, der französische Bevollmächtigte, von Versailles nach Aachen abreiste, sagte sie zu ihm: „Vergessen Sie nicht: Sie dürfen keinesfalls ohne den Frieden zurückkommen. Der König will ihn um jeden Preis!“

Der Friedenskongreß trat in Aachen zusammen. Maastricht ergab sich18-2, und der Friede18-3 wurde verkündet. Frankreich gab alle seine Eroberungen in Flandern und<19> Brabant an Österreich heraus. Dafür trat die Kaiserin dem Infanten Don Philipp Parma und Piacenza ab, die indessen später an Österreich zurückfallen sollten; denn es wurde bestimmt, daß Don Philipp, sobald der Infant Don Carlos den spanischen Thron bestiege, sein Nachfolger in Neapel würde19-1. Merkwürdigerweise wurde der Artikel in dieser Form festgesetzt, ohne daß die Könige von Spanien und Neapel, ja sogar Don Philipp das geringste davon erfuhren oder gar ihre Zustimmung erteilten. Sie beschwerten sich denn auch und protestierten gegen alle in Aachen getroffenen Bestimmungen, die die Unabhängigkeit ihrer Kronen verletzten. Frankreichs und Englands Interessen wurden im 9. Artikel geregelt. England verpflichtete sich, Kap Breton an Frankreich zurückzugeben, und beide Mächte garantierten sich ihren beiderseitigen Besitzstand in Amerika nach dem Wortlaut des Utrechter Vertrages. Jedoch kamen sie überein, Kommissare zur Beilegung einiger Grenzstreitigkeiten in Kanada zu entsenden. Im Artikel 22 endlich wurde der Besitz Schlesiens dem König von Preußen von allen Mächten garantiert.

Sieht man sich diesen Frieden mit einiger Aufmerksamkeit an, so erscheint er deutlich als das Werk eines plötzlichen, hastig verwirklichten Einfalles. Um sich aus einer<20> augenblicklichen Notlage zu befreien, opferten die Mächte ihre zukünftigen Interessen. Einerseits löschte man zwar den europäischen Brand, andrerseits aber häufte man reichlichen Zündstoff auf, der bei der ersten Gelegenheit Feuer fangen mußte. Es brauchte nur der König von Spanien zu sterben, so brachen neue Unruhen aus. Auch die noch unerledigte Grenzregulierung in Kanada mußte Frankreich und England eines Tages notwendigerweise in Händel verwickeln. Öfters genügt ein weiteres Kriegsjahr oder einige Festigkeit bei den Verhandlungen, um die Streitigkeiten der Fürsten für lange zu schlichten, aber gewöhnlich zieht man halbe Maßregeln einer gründlichen Abhilfe vor und schließt einen voreiligen Waffenstillstand anstatt eines dauerhaften Friedens.

Der Wiener Hof hatte durch den Erbfolgekrieg die schlesischen Herzogtümer, Parma und Piacenza verloren. Nur mit Ungeduld ertrug er die Verminderung seiner Macht und schob die Hauptschuld den Engländern zu, mit der nicht völlig grundlosen Beschuldigung, sie hätten die Interessen ihrer Verbündeten den eigenen geopfert. Die Folge davon war, daß man in Wien des englischen Bündnisses überdrüssig wurde und geneigt war, seine Fühler nach Versailles auszustrecken. Man wollte versuchen, Frankreich und Preußen zu trennen, und gleichzeitig zusehen, ob sich nicht ein Mittel finden ließ, die französischen und österreichischen Interessen zu vereinigen. Graf Kaunitz, der eigentliche Urheber des Planes, war als Bevollmächtigter der Kaiserin-Königin in Aachen. Er zögerte nicht, Saint-Séverin gegenüber den ersten Schritt zu tun. Er gab ihm zu verstehen, daß bei einer Aussprache zwischen Frankreich und Österreich beide Höfe zu vorteilhaften Abmachungen gelangen könnten. Flandern und Brabant sollten im Besitz der Allerchristlichsten Majestät bleiben, falls Frankreich den König von Preußen zur Rückgabe Schlesiens an die Kaiserin-Königin nötigte. Der Köder war verlockend und hätte den Hof von Versailles wohl reizen können, hätte sich Ludwig XV., der des Krieges überdrüssig war, nicht gescheut, zur Ausführung des Planes einen neuen Krieg anzufangen. So lehnte Saint-Séverin dann das Anerbieten ab, so vorteilhaft es auch war.

Aber Graf Kaunitz ließ es nicht dabei bewenden. Der in seinen Neigungen so oberflächliche, in den Staatsgeschäften aber so gründliche Mann ging als Botschafter nach Paris20-1. Dort arbeitete er mit zähem Fleiß und unendlichem Geschick an der Beschwichtigung des unversöhnlichen Hasses, der seit Franz I. und Karl V. zwischen den Häusern Bourbon und Habsburg bestand. Immer aufs neue wiederholte er den Ministern, daß die Vergrößerung Preußens ihr Werk sei, daß sie dafür aber nur mit Undank belohnt würden und keinen Nutzen von einem Verbündeten haben könnten, der nur seinen eigenen Vorteil im Auge hätte. Ein andermal ließ er sich, scheinbar aus tiefster Überzeugung, die Worte entfahren: „Es ist Zeit, meine Herren, sich von der Vormundschaft des Königs von Preußen, des Königs von Sardinien und all<21> der kleinen Fürsten freizumachen. Deren Politik geht ja doch nur darauf aus, Zwietracht zwischen den Großmächten zu säen, um auf die Weise Gelegenheit zur eigenen Vergrößerung zu finden. Eigentlich führen wir doch bloß für sie Krieg. Wir brauchen uns nur zu verständigen und uns gegenseitig zu einigen Abmachungen zu verpflichten. Dann wäre jeder Anlaß zum Streit zwischen den europäischen Großmächten beseitigt und der Grund zu einem festen und dauerhaften Frieden gelegt.“ Seltsam klangen diese Vorschläge anfangs in den Ohren eines Volkes, das durch eine lange Reihe von Kriegen gewöhnt war, gerade das österreichische Kaiserhaus als Erbfeind zu betrachten. Schließlich aber schmeichelte dem französischen Ministerium der Gedanke, daß die Großmächte Europa Gesetze vorschreiben sollten. Auch die Aussicht auf dauernden Frieden war verlockend. Doch ließ man sich durch andere Erwägungen noch zurückhalten.

Graf Kaunitz verlor indes den Mut nicht. Immer wieder kam er auf die Sache zurück, und durch die beständige Wiederholung der gleichen Vorschläge befreundete sich der französische Hof mit seinen Ideen und ließ sich unmerklich überreden. Ein Bündnis zwischen den beiden Großmächten erschien den Franzosen nicht mehr so unmöglich, wie ihre Vorfahren gewähnt hatten. Der Keim brauchte nur Zeit zur Entwicklung. Die Ansicht des Grafen Kaunitz fand allmählich Anhänger, und das rief eine leichte Abkühlung zwischen den Höfen von Versailles und Berlin hervor. Dies zeigte sich besonders bei der Sendung Lord Tyrconnels nach Berlin (1750). Die vom Grafen Kaunitz so oft betonte Idee der Bevormundung war dem Gesandten zu Kopfe gestiegen: immerfort redete er in auffälliger Weise von der Unabhängigkeit der Großmächte. Eines Tages tat er sogar einige recht unkluge Äußerungen im folgenden Sinne: „Will der König von Preußen uns Winkelzüge machen, so lassen wir ihn fallen, und er ist zerschmettert.“ Äußerlich wahrten die Franzosen dem König gegenüber zwar alle Formen wohlwollender Freundschaft, aber dem Versailler Hof erschien ein Bündnis mit der Kaiserin-Königin schon nicht mehr ausgeschlossen, und die Feindschaft war jedenfalls vorüber. Dabei blieben die Dinge zunächst stehen, bis die Schikanen der Engländer Ludwig XV. abermals zum Kriege nötigten.

Als der Wiener Hof in Versailles nicht so leicht vorwärts kam, wie er es sich ausgemalt hatte, wandte er sich in seinem steten Bemühen, seine Position zu stärken, nach Petersburg und setzte dort alle Hebel in Bewegung, um seine Verbindung mit Rußland enger zu gestalten und die Kaiserin Elisabeth mit dem König von Preußen zu entzweien. Ein russischer Minister konnte sich darauf verlassen, daß er von den Österreichern für seinen Haß gegen Preußen bezahlt wurde, und zwar desto höher, je grimmiger der Haß war. Die leitenden Staatsmänner hatten darum kein anderes Bestreben, als Zerwürfnisse zwischen Petersburg und Berlin zu stiften. Eine an sich ganz belanglose Sache gab ihnen den Vorwand dazu. Um im Norden ein Gleichgewicht herzustellen, hatten Frankreich, Preußen und Schweden einen Dreibund geschlossen (1747/48). Nun stellte sich Graf Bestushew, als schöpfe er Verdacht. Er flößte der<22> Kaiserin Sorge ein und brachte es schließlich dahin, daß die Russen plötzlich bedeutende Feldlager in Finnland an der schwedischen Grenze bezogen, ebenso in Livland an der preußischen Grenze. Diese Demonstrationen erneuerten sich alljährlich. Unter so kritischen Umständen brach zwischen Rußland und Schweden ein Streit um die Grenzen von Finnland aus, die im Vertrag von Åbo (1743) nicht genau festgelegt waren22-1. Der ärgerliche Vorwand gab Rußland freie Hand, den Krieg vom Zaune zu brechen, sobald es ihm gut dünkte. Der Wiener Hof schürte den Zwist, um den König von Preußen zu beunruhigen und zu irgend einem falschen Schritte zu verleiten, der ihn mit Rußland überwarf. Indes begnügte sich die Kaiserin-Königin damit, die Erbitterung der beiden Höfe zu steigern, ohne den Bruch zu beschleunigen.

Der König befand sich in einer heiklen und bedenklichen Lage, die leicht gefährlich werden konnte. Glücklicherweise erfuhr er durch Bestechung zweier Personen die geheimsten Pläne seiner Feinde. Der eine war Weingarten, Sekretär des Grafen de La Puebla, des österreichischen Gesandten in Berlin, der andere22-2 ein Kanzlist des sächsischen Kabinettsministeriums. Der Sekretär lieferte Abschriften von sämtlichen Nachrichten, die der Gesandte aus Petersburg, Wien und London empfing, und der Kanzlist sandte aus Dresden Kopien der zwischen Rußland und Sachsen geschlossenen Verträge, des Briefwechsels zwischen Graf Brühl und Graf Bestushew und der Gesandtschaftsberichte des Grafen Flemming aus Wien. Graf Brühl fühlte sich durch den Dresdener Frieden gedemütigt. Er war auf Preußens Macht eifersüchtig und bemühte sich Hand in Hand mit dem Wiener Hofe, den Haß und den Neid, der ihn selbst verzehrte, auf den Petersburger Hof zu übertragen. Brühl sann auf nichts als auf Krieg. Er wiegte sich in der Hoffnung, die ersten europäischen Wirren benutzen zu können, um einen für Sachsen so gefährlichen Nachbar zu demütigen. Er sah zwar ein, daß die Sachsen in einem Kriege nicht geschont werden könnten, ja daß Preußen sich zuerst gegen sie wenden würde. Trotzdem ließ er das sächsische Heerwesen ganz verfallen. Wir wollen hier nicht untersuchen, ob sein Benehmen sehr konsequent war, aber er hätte wissen sollen, daß jeder Staat sich verrechnet, der sich, statt auf seine eigenen Kräfte, auf die seiner Bundesgenossen verläßt. Der König erfuhr also durch die zwei oben erwähnten Leute alles. Ja, ihre häufigen Nachrichten dienten ihm gleichsam als Kompaß bei der Fahrt durch die Klippen, die er vermeiden mußte, und bewahrten ihn davor, bloße Demonstrationen für den festen Vorsatz zur sofortigen Kriegserklärung zu halten.

Inzwischen nahm der Einfluß des Wiener Hofes in Rußland von Tag zu Tag zu. Das mußte ja so kommen, da der Geist des Ministers im voraus bearbeitet war und alle Einflüsterungen gegen Preußen willig aufnahm. Graf Bestushew hatte den preußischen Gesandten Mardefeld im Verdacht gehabt, im Einverständnis mit La Chétardie ihn selbst stürzen zu wollen22-3. Ein zweiter Grund vermehrte seinen Haß noch.<23> Als der König im Herbste des Jahres 1745 in Sachsen einrückte, gab er Mardefeld vor der Schlacht von Kesselsdorf den Auftrag, Bestushew 40 000 Taler zu bieten, wenn Rußland sich nicht in den Krieg mischte. Aber nach dem Frieden zu Dresden unterließ Mardefeld aus verkehrter Sparsamkeit oder aus persönlicher Feindschaft die Auszahlung der Summe. Fortan übertrug der Großkanzler seinen Haß von Mardefeld auf alles Preußische. Um sich für seine persönliche Kränkung zu rächen, bewog Bestushew die Kaiserin zu einem Bündnis mit den Höfen von Wien und London23-1. Der Vertrag war für Rußland in doppelter Hinsicht vorteilhaft, erstens, weil Rußland nun im Verein mit Österreich den Unternehmungen der Pforte entgegentreten konnte, und zweitens wegen der englischen Subsidien, die von nun an nach Petersburg strömten. Bei dieser Lage der Dinge fiel der Kaiserin-Königin nicht schwer, den Abbruch aller Beziehungen zwischen Preußen und Rußland herbeizuführen. Weder die Vorsicht, die der König in seiner mißlichen Lage übte, noch sein stets gemessenes Benehmen gegenüber dem Petersburger Hofe konnten den Bruch verhindern.

Ein Mann von niedriger Herkunft namens Groß, mit der Würde eines russischen Gesandten bekleidet, war Bestushews Werkzeug zur Entzweiung der beiden Höfe. Groß hatte den Auftrag, die erste Gelegenheit zum Bruch zu ergreifen. Er benutzte den ersten sich bietenden Vorwand, um die Wünsche seines Hofes zu erfüllen. Der König gab anläßlich der Vermählung des Prinzen Heinrich mit der Prinzessin von Hessen ein Fest in Charlottenburg23-2. Dabei waren auch die fremden Gesandten zugegen. Der Hoffourier hatte Befehl, sie alle zur Abendtafel einzuladen. Er führte seinen Auftrag aus, konnte aber Groß nicht auffinden, da er absichtlich eine halbe Stunde vor den anderen weggefahren war. Am folgenden Tage erklärte der Gesandte, nach dem Schimpf, der der Kaiserin in seiner Person angetan sei, könne er nicht mehr bei Hofe erscheinen und warte nur auf die Rückkehr eines Kuriers aus Petersburg, der ihm weitere Verhaltungsbefehle bringen würde. Der Kurier kam an, und Groß reiste sofort heimlich aus Berlin ab, wobei ihm auf dem Wege durch die Stadt die österreichischen und englischen Legationssekretäre das Geleit gaben. Nun blieb dem König nichts übrig, als den Grafen Finck23-3, Mardefelds Nachfolger in Petersburg, gleichfalls abzuberufen.

Kaum wußten sich die Österreicher in Rußland der lästigen Aufsicht des preußischen Gesandten ledig, so ließen sie ihren feindseligen Gesinnungen freien Lauf. Sie schämten sich nicht der schändlichsten Lügen und Verleumdungen, um die Kaiserin Elisabeth gegen den König zu erbittern. Sie redeten ihr ein, der König habe eine Verschwörung gegen ihr Leben angezettelt, um den Prinzen Iwan23-4 auf den Thron<24> zu erheben. Da die Kaiserin von trägem und nachgiebigem Charakter war, so glaubte

sie ihnen aufs Wort und sparte sich die Mühe der Untersuchung. Sie ließ dem Prinzen Iwan einen Trank reichen, der seine Geisteskraft lähmte, und faßte einen unversöhnlichen Haß gegen den König. Frankreich hatte damals keinen Gesandten in Petersburg, und der schwedische Gesandte24-1 war mehr russisch als schwedisch gesinnt, daher wenig geeignet, den König zu unterstützen. Es gab also keinen Weg mehr zum Ohre der Kaiserin, keine Möglichkeit, sie von dem Irrtum zu befreien, in den sie der österreichische Gesandte24-2 und dessen Kreaturen gestürzt hatten. Der Wiener Hof war zu geschickt, um die Dinge auf die Spitze zu treiben. Es genügte ihm, in Petersburg Haß und Feindschaft gegen Preußen gesät und die Gemüter einem offenen Bruche geneigt gemacht zu haben. Er wollte die Ereignisse nicht überstürzen und zuvor mit seinen inneren Einrichtungen fertig werden. Inzwischen wartete er eine günstige Gelegenheit ab, um mit seinen weitausgreifenden Plänen hervorzutreten. Derart setzte die Kaiserin-Königin durch ihr Ränkespiel ganz Europa in Bewegung und zettelte im stillen eine Verschwörung gegen Preußen an, die beim ersten wichtigen Ereignis zum Ausbruch kommen mußte.

Inzwischen wurden die Streitigkeiten zwischen Schweden und Rußland wegen der finnischen Grenzen in Güte beigelegt. Doch gegen Ende des Jahres 1756 brach in Schweden eine Art Revolution aus, die wir wegen ihres Einflusses auf die politische Lage Europas kurz erwähnen müssen24-3. Der Anlaß war folgender. Seit langem war der Hof mit den Reichsräten der französischen Partei entzweit, und zwar wegen einer erledigten Generalmajorstelle, für die der König Liewen, der Reichsrat aber den Grafen Fersen bestimmt hatte. Der Reichsrat blieb Sieger. Durch diese Zurücksetzung tief gekränkt, arbeitete der Hof seitdem der französischen Partei auf jede Weise entgegen. Graf Brahe, Horn und Wrangel24-4, nebst vielen dem Hofe ergebenen Mitgliedern der ersten Familien des Landes, machten dem König Hoffnung, durch die Wahl eines dem Hofe ergebenen Marschalls ihm die Oberhand im Reichstage zu verschaffen. Indessen kam die Sache gerade umgekehrt, denn der erwähnte Graf Fersen, ein Feind des Hofes, erhielt die Würde durch die Ränke und die Unterstützung des französischen Anhangs. Auf dem am 17. Oktober 1755 eröffneten Reichstage übergab der Reichsrat im Vollgefühl seiner Überlegenheit den Ständen eine Denkschrift zur Entscheidung des großen Streites zwischen ihm und dem König über die Vergebung der Ämter. Da die Richter Kreaturen des französischen Gesandten24-5 waren, so siegte der Reichsrat. Er mißbrauchte seinen Sieg zur Ver<25>nichtung der Schattenmacht, die dem König nach den Landesgesetzen bisher noch geblieben war. Ja, die Unverschämtheit der Reichsräte ging so weit, daß sie der Königin die Kronjuwelen und sogar die ihr geschenkten Kleinodien fortnahmen25-1. Wenig fehlte, und die aufsässigen Reichsräte hätten in ihrer Verachtung der Königswürde den Thron völlig umgestürzt.

Ihr freches Betragen empörte den Hof und seine Anhänger aufs tiefste, besonders Brahe, Horn und Wrangel. Sie versammelten sich und beschlossen in der ersten Aufwallung, die Regierungsform durch einen Staatsstreich zu ändern. Der König war zu einflußlos, um ihren gewaltsamen Entschluß zu dämpfen. Ihre Maßnahmen wurden in wilder Hast verabredet und noch schlechter ausgeführt, und ein Gemisch von Kühnheit und Zaghaftigkeit ließ sie noch im Augenblick der Ausführung zaudern. Ein aufgeschobenes Unternehmen wird gewöhnlich entdeckt. Ein paar schwache Freunde, denen sie sich anvertraut hatten, wurden ihre Verräter. Der Reichsrat ergriff strenge Maßregeln, um sich gegen einen Staatsstreich zu sichern. Graf Brahe wurde verhaftet, während es Wrangel und ein paar anderen Häuptern der Hofpartei gelang, zu entkommen. Der Name des Königs wurde durch die Aussagen der Verschworenen in die Untersuchung hineingezogen. Kurz, Graf Brahe und einige Personen niedrigerer Herkunft endigten auf dem Schafott (23. Juli 1756), und der König verlor den letzten Rest der Vorrechte, die sein Vorgänger und er selbst kraft der seit Karls XII. Tode bestehenden Regierungsform besessen hatten. Seitdem war der französische Botschafter d'Havrincour der eigentliche König von Schweden. Er schaltete despotisch über das Land und verwickelte es später in den deutschen Krieg25-2 auf eine gesetzwidrige, gegen die Staatsverfassung verstoßende Weise. Hätte der König die gesetzliche Autorität behalten, so wäre das nicht geschehen. Der König von Preußen konnte für seinen Schwager nichts weiter tun, als daß er in Versailles Vorstellungen machen ließ, man möchte doch dem anmaßenden Minister, der ganz Schweden in Aufruhr brächte, eine Änderung seines Benehmens ans Herz legen. Aber Frankreich sah lieber Havrincour als den rechtmäßigen König an der Spitze Schwedens.

Ein Jahr vorher war ein anderer, doch minder ärgerlicher Streit zwischen Preußen und Dänemark ausgebrochen, und zwar wegen eines Prozesses, den die Gräfin Bentinck mit ihrem Gemahl führte25-3. Die infolge ihres Wandels übel beleumdete<26> Gräfin hatte ihrem Gatten eine Herrschaft an der ostfriesischen Grenze durch förmlichen Vertrag abgetreten, der sie aber später gereute. Die Richter erkannten auf Sequestrierung. Damit mußte der König von Preußen als Direktor des westfälischen Kreises beauftragt werden. Aber der Wiener Hof übertrug es dem König von Dänemark, der Truppen hinschickte. Die Preußen kamen ihnen jedoch zuvor. Der König von Dänemark ereiferte sich und hätte sich ohne seinen maßvollen Charakter wohl zu Drohungen hinreißen lassen. Schließlich wurde der Streit durch Vermittlung Frankreichs geschlichtet. Der König von Dänemark und alle Welt war darüber froh, aber die streitsüchtige Gräfin Bentinck brach den Vergleich, den man für sie zustande gebracht hatte, und strengte persönlich in Wien einen Prozeß an. Indes wurde sie von dort ausgewiesen, weil sie den unsinnigen Plan des Herzogs von Württemberg, die Erzherzogin Elisabeth zu entführen26-1, begünstigt hatte. Nun kehrte sie in ihre Grafschaft zurück, und da sie niemanden bereitfand, sich weiter in ihre Angelegenheiten zu mischen, so kam ihr Prozeß nie zum Austrag.

Es war, als ginge während des Friedens ein Geist der Zwietracht in Europa um und gefiele sich darin, Uneinigkeit zwischen allen Höfen zu stiften. Der König von Preußen bekam Streitigkeiten mit England, die fast zu einem Bruche geführt hätten. Während des letzten Krieges hatten englische Kaper einige preußische Kauffahrteischiffe aufgebracht. Die Engländer waren in eigener Sache Richter und Partei, und so erklärten ihre Admiralitätshöfe die Schiffe für rechtmäßige Prise. Der König ließ dem Londoner Hofe entsprechende Vorstellungen machen und trat in Unterhandlungen. Die Engländer gaben jedoch nicht nach und kümmerten sich wenig um die juristisch begründeten Darlegungen über die Ungesetzlichkeit ihres Verfahrens. Nachdem alle Mittel der Güte erschöpft waren, blieb zur Schadloshaltung der preußischen Untertanen nichts anderes übrig als die Beschlagnahme der Summen, die der König nach den Bestimmungen des Breslauer Friedens26-2 den Engländern schuldete. Es handelte sich um die Zurückerstattung einer Summe von 1 800 000 Talern, die das Haus Österreich zur Führung des Türkenkrieges von 1737/38 auf Schlesien aufgenommen hatte. Nun wurde der letzte fällige Betrag in Höhe von 300 000 Talern zurückgehalten. Die Engländer ereiferten sich, und es kam beiderseits zu recht lebhaften Auseinandersetzungen. Auch gab sich der österreichische Gesandte in London26-3 alle Mühe, den Streit zu vergiften, und vielleicht hätte das schlimme Folgen gehabt, wäre nicht zwischen Frankreich und England ein viel ernsterer Streit wegen Kanadas ausgebrochen, der die Aufmerksamkeit ablenkte26-4.

Selbst der Herzog von Mecklenburg26-5 nahm es sich im Vertrauen auf den Schutz des kaiserlichen Hofes heraus, dem König Scherereien zu machen, und zwar aus<27> Anlaß der preußischen Aushebungen in Mecklenburg. Die Vorfahren des Königs waren nach alten Familienverträgen seit undenklichen Zeiten dazu ermächtigt, aber der Herzog bestritt dieses Recht auf Anstiften des Wiener Hofes. Nun schaffte der König sich selbst sein Recht. Einige mecklenburgische Soldaten wurden aufgehoben und ein paar Amtleute, die sich der Anwerbung widersetzt hatten, festgenommen. Der Herzog schlug großen Lärm. Als er aber merkte, daß sein Zetern zu nichts führte, ließ er sich zu einem Vergleich herbei, und die Sache wurde gütlich beigelegt. Als bald darauf die Kaiserin-Königin sah, daß der Krieg zwischen England und Frankreich jeden Augenblick auszubrechen drohte, suchte sie selbst nach einem Vorwand zum Bruche mit Preußen. Zu dem Zweck überredete sie den Herzog von Mecklenburg, beim Reichstag zu Regensburg Klage zu führen. Der Wiener Hof bemühte sich, den Vorfall als Verletzung des Westfälischen Friedens hinzustellen. Er wollte den Vorwand benutzen, um Preußen den Krieg zu erklären und zugleich den Beistand der Mächte anzurufen, die den Westfälischen Frieden garantiert hatten. Wir werden späterhin sehen, daß es dem Wiener Hofe, als dieser Vorwand versagte, nicht schwer fiel, einen anderen zu finden. Die sehnsüchtig erwartete Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten und wurde mit Feuereifer ergriffen. Wenn Herrscher einen Bruch wollen, so lassen sie sich durch den Mangel an Rechtsgründen nicht abhalten. Sie fassen ihren Entschluß, führen den Krieg und überlassen findigen Juristen die Rechtfertigung.

Wenn wir in diesem Buche Holland bisher unerwähnt ließen, so geschah es, weil Holland seit dem Kriege von 1740, besonders seit dem Tode des Statthalters27-1, gar keine Rolle in Europa mehr spielte.

Es bleibt uns nur noch übrig, mit kurzen Worten eines einzig dastehenden Unglücks zu gedenken, das Portugal betraf und das Land fast zugrunde gerichtet hätte. Es war ein Erdbeben27-2 von solcher Heftigkeit, daß die ganze Stadt Lissabon in Trümmer sank. Häuser, Kirchen, Paläste, alles stürzte ein, wurde von der Erde verschlungen oder von den Flammen verzehrt, die aus dem Erdschoße hervorbrachen. 15 000 bis 20 000 Menschen kamen dabei ums Leben. Viele Städte und Flecken in Portugal wurden vom Erdbeben heimgesucht oder zerstört. Die Erschütterung wurde längs der Meeresküste bis an die holländische Grenze verspürt. Die Ursache der Katastrophe kann man nur der Gewalt eines unterirdischen Feuers zuschreiben. Im Erdinnern eingeschlossen, hatte es sich irgendeinen Kanal gehöhlt und gerade unter Portugal einen Schlund gebildet, durch den es auszubrechen und sich zu befreien suchte. Vielleicht wird einst an der Stelle, wo bis jetzt Lissabon lag, ein feuerspeiender Berg entstehen.

Aber wie es schien, genügten die vom Himmel gesandten Plagen noch nicht zur Heimsuchung des unglücklichen Erdballs. Bald darauf drückte die Bosheit der<28> Menschen Waffen in ihre ruchlosen Hände. Sie zerfleischten sich um ein elendes Stück Erde. Haß, Starrsinn und Rachsucht erreichten ihren höchsten Gipfel. Ganz Europa schwamm in Blut, und das sittliche Elend, dem das Menschengeschlecht zum Opfer fiel, übertraf bei weitem das körperliche, dessen Härte Lissabon hatte fühlen müssen.


15-1 Holland und England.

15-2 Fürst Karl von Waldeck befehligte die Truppen der Verbündeten.

16-1 Wilhelm August, Sohn Georgs II.

16-2 Baron Menno van Coehoorn (1641—1704), niederländischer Festungsbaumeister.

17-1 Der französische Philosoph Jean Buridan aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bediente sich dieses Beispiels.

17-2 Maximilian Ulysses Reichsgraf von Browne.

17-3 Ludwig Karl Armand Fouquet Chevalier de Belle-Isle, der Bruder des Marschalls Graf Belle-Isle (vgl. Bd. II, S. 6 und 24). Er fiel am 19. Juli 1747 in dem Gefecht am Col d'Assiette.

17-4 Karl Emanuel III.

18-1 Seit 1745.

18-2 7. Mai 1748.

18-3 Geschlossen 18. Oktober 1748.

19-1 Der Infant Don Carlos, seit 1734 König von Neapel (vgl. Bd. II, S. 26 und 41 f.), folgte 1759 als Karl III. seinem Stiefbruder Ferdinand VI. auf dem spanischen Thron, dagegen in Neapel ihm sein Sohn Ferdinand IV. Sein Bruder Don Philipp starb 1765 als Herzog von Parma und Piacenza.

20-1 Kaunitz (vgl. S. 13) war von 1750 bis 1753 österreichischer Gesandter in Paris.

22-1 Vgl. Bd. II, S. 137.

22-2 Friedrich Wilhelm Menzel.

22-3 Vgl. Bd. II, S. 154.

23-1 Petersburger Allianz vom 2. Juni 1746 mit Österreich. Englands Beitritt erfolgte 1750.

23-2 Die Vermählung fand Juni 1752 statt; doch hatte Groß bereits Ende November 1750 wegen einer Etikettenfrage Befehl erhalten, Berlin zu verlassen.

23-3 Vielmehr Konrad Heinrich Warendorff. Karl Wilhelm Graf Finck von Finckenstein (vgl. Bd. II, S. 143) war von 1747 bis 1749 Gesandter in Rußland gewesen.

23-4 Vgl. Bd. II, S. 5. 96.

24-1 Graf Moritz Posse.

24-2 Freiherr von Pretlack.

24-3 Es handelt sich um den Kampf Adolf Friedrichs, der Königin Ulrike (vgl. Bd. II, S. 162f.) und der Hofpartei um Erweiterung des durch die Verfassung von 1720 stark beschränkten Königtums. Das Besetzungsrecht der Ämter war fast die letzte Prärogative, die der Krone geblieben war. Der Reichsrat beanspruchte aber das Recht, den König zu überstimmen.

24-4 Graf Erich Brahe, Gardeoberst; Baron Gustav Jakob von Horn, Hofmarschall; Freiherr Erich von Wrangel, Kammerherr.

24-5 Marquis d'Havrincour.

25-1 Die Gegenpartei forderte die Revision der Juwelen, um zu verhindern, daß sich der Hof durch ihre Verpfändung in Deutschland Geld verschaffte.

25-2 Durch den Subsidienvertrag vom 21. März 1757 mit Frankreich trat Schweden der Koalition gegen Preußen bei und eröffnete dann am 13. September ohne voraufgegangene Kriegserklärung die Feindseligkeiten.

25-3 Gräfin Charlotte Sophie Bentinck, geb. Gräfin Aldenburg, hatte sich 1740 von ihrem Gemahl, dem holländischen Gesandten in Wien, scheiden lassen. Während des Prozesses, den sie über die Ausführung des Scheidungsvertrages führte, hatte der Reichshofrat König Friedrich V. von Dänemark als Grafen von Oldenburg mit dem Sequester über die ihr gehörige Herrschaft Knyphausen in Ostfriesland beauftragt. Der König von Preußen gewährte ihr eine Schutzwache. Durch einen Vergleich zwischen Preußen und Dänemark wurde der langjährige Streit 1754 beigelegt.

26-1 Über den Plan ist Näheres nicht bekannt.

26-2 Vgl. Bd. II, S. 120.

26-3 Graf Karl Colloredo.

26-4 Vgl. S. 29 ff.

26-5 Christian Ludwig.

27-1 Wilhelm IV. († 1751).

27-2 1. November 1755.