<212> vorlag. Sie hatten sich indes in den Kopf gesetzt, ich würde der Don Quichotte all ihrer Streitigkeiten sein, und auf ihren Wunsch würde ich Krieg führen oder Frieden halten, wie es ihnen in den Kram paßte. Ich für mein Teil glaubte und glaube noch, daß ein souveräner Fürst das Recht besitzt, Bündnisse abzuschließen, mit wem er es für gut hält, und daß nur tributpflichtige und in Solddiensten stehende Mächte den Befehlen ihrer Oberherren oder ihrer Geldgeber zu folgen haben.

Meine Absicht ging auf die Erhaltung der Ruhe in Deutschland. Bis zum Frühling des Jahres 1756 hoffte ich, es würde mir gelingen. Da erfuhr ich, daß eine starke russische Truppenmacht sich in Kurland zusammenzöge. Das erschien mir um so merkwürdiger, als ich infolge meiner Verbindung mit den Engländern sicher war, daß sie nicht hinter dieser Demonstration stecken konnten. Daraufhin verlangte ich Aufschluß vom Londoner Ministerium, und sobald mir klar wurde, daß jene Bewegungen nicht im Einverständnis mit dem König von England geschahen, schöpfte ich starken Verdacht gegen Rußlands Haltung. Im Monat Juni, als ich in Magdeburg war, erfuhr ich, daß jene Armee noch verstärkt würde1. Die Gesamtumstände, verbunden mit den jetzt veröffentlichten Korrespondenzen, ließen mich fürchten, daß Ostpreußen von seiten Rußlands einen Einfall zu gewärtigen habe. Daraufhin ließ ich einige Regimenter nach Pommern marschieren, damit sie bereit wären, zu den Truppen in Ostpreußen zu stoßen2. Diese Bewegung, die der Königin von Ungarn gar keinen Grund zum Mißtrauen geben konnte, veranlaßte sie dennoch, eine große Anzahl ihrer Truppen in Böhmen einrücken zu lassen. Bekannt ist, wie diese Maßregel Auseinandersetzungen3 zur Folge hatte, die den Krieg herbeiführten.

Sobald ich erfahren hatte, daß die österreichischen Truppen sich in allen Provinzen rührten, gab ich Knyphausen Befehl, mit Rouillé Rücksprache zu nehmen und ihn davon in Kenntnis zu setzen, daß sich in Deutschland ein Gewitter zusammenzöge. Falls er den Sturm noch beschwören wolle, wäre es nun Zeit, am Wiener Hofe, mit dem ja Frankreich eben ein Bündnis geschlossen hatte4, Vorstellungen zu machen. Rouillé antwortete trocken, daß Frankreich sich in diese Dinge weder einmischen könne noch wolle.

Auf die unbestimmte und hochfahrende Antwort hin, die Graf Kaunitz an Klinggräffen gab, sah ich mich zum Kriege gezwungen. Die Königin von Ungarn hatte ihn beschlossen, und bei längerem Warten hätte ich meinen Feinden nur Zeit zur Vollendung ihrer Rüstungen gegeben. Es galt also, das Prävenire zu spielen, damit man uns nicht zuvorkam. Griff ich die Königin von Ungarn von Schlesien her an, so war mir die Unmöglichkeit klar, ihr großen Schaden zuzufügen. Auch ließ ich damit dem König von Polen und Kurfürsten von Sachsen, meinem gefährlichsten


1 Bei der Rückkehr aus Magdeburg, wo der König zur Revue über die magdeburgischen Regimenter geweilt hatte, am 19. Juni 1756, erhielt er die erste Nachricht vom Anmarsch der Russen auf Ostpreußen (vgl. S. 185).

2 Vgl. S. 36 und 184.

3 Für die drei Anfragen des Königs in Wien vgl. S. 175 ff.

4 Die Versailler Allianz vom 1. Mai 1756 (vgl. S. 34).