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10. Kapitel

Feldzüge in Italien, in Flandern, am Rhein und endlich der Feldzug des Königs.

Der Feldzug in Italien begann im Monat April mit dem Übergang über den Tanaro und der Einnahme von Nizza und Villafranca. Über die weiteren Operationen konnten die französischen und spanischen Generale sich nicht einigen. Prinz Conti behauptete, die Wege, die von Nizza nach Piemont führten, seien unpassierbar und man müsse andre Straßen aufsuchen, um in das Land einzudringen. In dieser Absicht zieht er über den Col di Tenda, greift die savoyischen Truppen bei Montalban an, bewältigt ihre Verschanzungen so gut wie die Hindernisse der Natur, stürmt Castel Delfino und dringt in Piemont ein. Man muß gestehen, daß der Anfang dieses Feldzugs so glänzend ist, wie nur einer in diesem Kriege. Prinz Conti rückt vor; er belagert Cuneo. Um die Stadt zu entsetzen, zieht der König von Sardinien ihm entgegen. Conti schlägt ihn, aber die angeschwollenen Gewässer, der tapfere Widerstand der Belagerten und der Mangel an Lebensmitteln zwingen ihn zur Aufhebung der Belagerung und zum Rückzug nach Savoyen, nachdem er zuvor die Festungswerke von Demonte in die Luft gesprengt hat. Der Feldzug machte mehr dem Talent des Prinzen Ehre, als daß er Frankreich nutzte.

Fürst Lobkowitz, der im vollen Anzuge war, um den König von Neapel anzugreifen, wird durch die Erfolge des Prinzen Conti stutzig, wirft die Flinte ins Korn und zieht sich nach Monte Rotondo, von da nach Florenz zurück. Aber stets sind der In<165>fant Don Carlos und Graf Gages ihm auf den Fersen. Wir übergehen die kleinen Erfolge der Franzosen und Spanier über die Österreicher und wenden uns den Unternehmungen zur See zu.

Die französische und spanische Flotte gingen zu Anfang des Frühjahrs von Toulon aus in See und griffen die englische Flotte unter Admiral Mathews im Mittelmeer an165-1. Nach der Schlacht segelten die Franzosen und Spanier nach Cartagena, die Engländer nach Port-Mahon zurück. Das Treffen blieb jedenfalls unentschieden, da sich beide Teile zurückzogen. Immerhin erwarben sich der spanische Admiral Navarro und der französische Befehlshaber dabei viel Ehre. Der Versailler Hof freilich schickte den Admiral Court in Verbannung und bestrafte verschiedene Offiziere, die bei der Flotte gedient hatten, um seine Unzufriedenheit zu zeigen. Auch die Engländer stellten den Admiral Mathews vor ein Kriegsgericht und schickten den Vizeadmiral ins Gefängnis. Beide Teile waren also gleich unzufrieden über eine unentschiedene Schlacht, bei der die Franzosen und Engländer bloß Schande, die Spanier aber Ruhm ernteten.

Dieses Seetreffen war nur das Vorspiel der großen Schläge, die der Versailler Hof zu führen gedachte. Sein Hauptziel war, die Engländer zu nötigen, ihre in Flandern stehenden Truppen übers Meer zurückzurufen. Zu dem Zweck ging der Marschall von Sachsen noch vor Eröffnung des Feldzuges mit 10 000 Mann nach Dünkirchen. Auch der Sohn des Prätendenten, Karl Eduard165-2, langte dort an. Man traf Anstalten zu einer Landung. England erschrak und rief Hilfe herbei: 6 000 Holländer und 6 000 Engländer von Lord Stairs Truppen wurden nach England übergesetzt. Die Holländer, denen es an Kriegsschiffen fehlte, rüsteten Handelsschiffe aus und schickten sie ihren Bundesgenossen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Ja, der König von Großbritannien verlangte im ersten Schreck sogar das preußische Hilfskontingent. Der König erwiderte, er werde an der Spitze von 30 000 Mann nach der Insel übersetzen, sobald Seine Britische Majestät angegriffen würde. Diesen Sukkurs fand Georg zu stark und stand von seiner Forderung ab. Ein politisches Problem blieb es für Europa, den Zweck zu ergründen, den der Versailler Hof bei dieser Unternehmung verfolgte. Wollte er den Prinzen Karl Eduard auf den englischen Thron setzen, oder war es nur eine Demonstration, um die Truppen der Verbündeten in Flandern zu schwächen? Die bloßen Zurüstungen zu einer Landung brachten Frankreich zu Anfang des Feldzuges alle Vorteile einer wirklichen Diversion. Der Plan der Wiedereinsetzung des Prinzen Karl Eduard in England stammte vom Kardinal Tencin. Der verdankte seinen roten Hut dem Prätendenten, und um ihm seine Dankbarkeit zu beweisen, versuchte er alles mögliche, um dessen Sohn die englische Krone zu verschaffen. Die Unternehmung scheiterte infolge des widrigen Windes — die<166> übliche Ausrede aller Seeleute. Sicherlich aber wagte sich Roquefeuille, der Admiral der Flotte, angesichts einer ihm überlegenen Seemacht nicht über den Kanal.

Seit Ludwig XIV. hatten die französischen Truppen keinen König mehr an ihrer Spitze gesehen. Unglückliche Feldzüge hatten die Armee entmutigt. Man hielt die Gegenwart des Kriegsherrn für das einzige Mittel, den Trieb nach Ehre und Ruhm im Heere wieder anzuspornen. Eine Frau unternahm es aus Vaterlandsliebe, Ludwig XV. seinem Müßiggange zu entreißen und ihn zur Führung seiner Armeen ins Feld zu schicken. Sie brachte Frankreich ihre Herzensangelegenheiten und ihr Glück zum Opfer. Das war die Herzogin von Chateauroux. Sie sprach mit solchem Nachdruck, sie mahnte und drängte den König so lebhaft, daß er beschloß, nach Flandern zu gehen. Eine so hochherzige, ja heroische Tat verdient in den Annalen der Geschichte um so mehr einen Platz, als die früheren Mätressen ihr Ansehen bloß zum Verderben des Königreichs aufgewandt hatten. Ludwig XV. eröffnete den Feldzug in Flandern mit der Belagerung von Menin. Der Kommandant des Platzes, der wenig von seinem Handwerk verstand, kapitulierte nach geringem Widerstande. Gleich darauf gingen die Franzosen an die Belagerung von Ypern, das zwar besser verteidigt war, aber doch das gleiche Schicksal erfuhr. Die Belagerungskunst ist die eigentliche Stärke der Franzosen. Sie haben die geschicktesten Ingenieure Europas, und das zahlreiche schwere Geschütz, das sie bei ihren Operationen verwenden, sichert das Gelingen ihrer Unternehmungen. Brabant und Flandern sind der Schauplatz ihrer Erfolge, weil hier die ganze Kunst ihrer Ingenieure zur Geltung kommt. Die Menge der Kanäle und Flüsse erleichtert den Transport von Kriegsvorräten, und die Franzosen haben ihre Grenzen im Rücken. Sie sind erfolgreicher im Belagerungskriege als im offenen Felde.

Doch kehren wir zu den Verbündeten zurück, die wir auf eine Weile verließen. Die Truppen, die der König von England im Vorjahre befehligte, hatten, wie gesagt, in Brabant und in Westfalen überwintert. Die Armee des Prinzen von Lothringen hatte im Breisgau und in Bayern Winterquartiere bezogen. Im Elsaß kommandierte Marschall Coigny. Die Trümmer des kaiserlichen Heeres waren bei den Freunden des Kaisers verteilt, die Hauptmacht jedoch lag im Fürstentum Öttingen. Der Wiener Hof verlor in diesem Winter den Feldmarschall Khevenhüller. Die Königin von Ungarn ehrte sein Andenken durch einige Tränen. Feldmarschall Traun trat an seine Stelle und erhielt den Oberbefehl über die Hauptarmee, die nominell der Prinz von Lothringen, in Wirklichkeit aber Traun kommandierte. Da Prinz Karl von Lothringen in dieser Darstellung eine Hauptrolle spielen wird, so halten wir es nicht für ganz zwecklos, näher auf ihn einzugehen. Er war tapfer, bei den Truppen beliebt und beherrschte das Detail des Proviantwesens, war aber wohl zu nachgiebig gegen die Einflüsse seiner Günstlinge und liebte die Vergnügungen der Geselligkeit; auch sagte man ihm Unmäßigkeit im Trinken nach. Er vermählte sich zu Wien mit der Erzherzogin Marianne, der jüngeren Schwester der Königin. Er brachte seine junge<167> Gattin nach Brabant, wo er zum Statthalter ernannt war, und kehrte dann nach Wien zurück, um Befehle für den bevorstehenden Feldzug zu empfangen.

Die Absicht der Österreicher war, Lothringen zurückzuerobern und den Kaiser zur Abdankung zu zwingen; für dieses Opfer sollte er seine Erblande wiederbekommen. Das österreichische Heer zog sich bei Heilbronn zusammen und rückte von dort gegen Philippsburg vor, wohin Seckendorff sich mit den Trümmern der bayerischen Truppen geflüchtet hatte. Bei der Kunde vom Anrücken des Prinzen von Lothringen verstärkte Coigny die Kaiserlichen mit allen deutschen Regimentern, die in seinem Heere dienten. Alle Vorkehrungen des Prinzen von Lothringen verrieten die Absicht, über den Rhein zu setzen. Der Übergang war ihm erleichtert durch einen Vertrag, den der König von England soeben mit dem Kurfürsten von Mainz geschlossen hatte. Die offenkundige Parteilichkeit des Kurfürsten für den Wiener Hof167-1 und die Subsidien, die er von England erhielt, setzten es außer Zweifel, daß er trotz seiner Neutralität den Truppen der Königin den Übergang bei Mainz gestatten würde, falls dies verlangt werden sollte.

Die Österreicher, die ihr Glück schon im Geiste genossen, konnten es sich nicht versagen, hin und wieder einige Funken ihres Stolzes und ihrer Anmaßung sprühen zu lassen. Sie schlugen bei Mannheim eine Brücke über den Rhein und schalteten despotisch in der Pfalz. Der Kurfürst167-2 fühlte sich dadurch natürlich beleidigt. Das gab Anlaß zu scharfen Worten und endigte mit einer Botschaft des Prinzen von Lothringen an den Kurfürsten, worin er ihm bedeutete, wenn er seine Brücke bei Mannheim nicht augenblicklich zur Verfügung stellte, so würde man sie ihm mit Gewalt entreißen. Feldmarschall Traun entschuldigte sich beim Kurfürsten damit, ein langes Bankett, wo man wenig Enthaltsamkeit geübt hätte, wäre die Veranlassung gewesen, daß der Prinz von Lothringen sich in so wenig maßvoller Weise ausgedrückt hätte.

Unterdessen hatte Marschall Coigny sich in der Absicht, die Rheinufer von Mainz bis Fort Louis zu verteidigen, mit seiner Hauptmacht an den Ufern der Queich aufgestellt. Von da rückte er gegen Speyer an und schob seine Detachements bis Worms, ja bis Oppenheim vor. Dieser Vormarsch geschah, weil er erfahren hatte, daß Bernklau mit einer Abteilung des österreichischen Heeres nach Germersheim bei Freiburg gerückt sei. Bernklau ließ eine Brücke über einen Rheinarm bei Stockstadt schlagen, um die Franzosen irrezuführen und sie nach dieser Seite abzulenken. Zugleich machte der Prinz von Lothringen mit seinem Heere eine Bewegung, als wollte er mit seinem rechten Flügel über den Neckar gehen, um sich mit Bernklau zu vereinigen. Der allzu leichtgläubige Marschall Coigny ließ sich durch diese Demonstrationen täuschen und beging zwei Fehler auf einmal. Erstens ließ er Seckendorff über den Rhein gehen und trug ihm die Verteidigung des Flußabschnittes zwischen Speyer und Lauterburg auf, und zweitens marschierte er mit seinem Heere nach<168> Worms und Frankenthal. Er hätte leicht einsehen können, daß der Prinz von Lothringen entschlossen war, ins Elsaß einzudringen, und daß er sich aller Kriegslisten bedienen würde, um Coigny möglichst weit von dort zu entfernen. Zudem hätte der Marschall wissen müssen, daß dem Prinzen die Brücke bei Mainz offenstand, wogegen die französische Armee nichts ausrichten konnte.

Coignys Verteidigungsplan scheint in allen Stücken fehlerhaft gewesen zu sein. Sein Heer war in einzelne Korps zersplittert, und auch die hatten nicht einmal die richtigen Stellungen inne, von wo aus sie dem Feinde den Rheinübergang hätten streitig machen können. Nach Ansicht der Kenner mußte er sowohl die kaiserlichen wie die französischen Truppen zusammenziehen und sich zwischen der Queich und dem Speyerbach lagern, die Rheinufer von Fort Louis bis nach Philippsburg mit kleinen Detachements besetzen und durch seine Kavallerie rechtzeitig auskundschaften lassen, an welchem Orte der Feind Vorkehrungen zum Übergang träfe. Er mußte seine Truppen marschbereit halten und das erste österreichische Korps, das den Rhein überschritt, unverzüglich mit seiner ganzen Macht angreifen. Wäre Prinz Karl bei Mainz über den Rhein gegangen, so stand es Coigny noch immer frei, die Stellung an der Queich oder am Speyerbach einzunehmen, gegen die der Prinz keinen Angriff gewagt hätte und durch die außerdem sowohl das Unterelsaß wie Lothringen gedeckt gewesen wären. Aber der Marschall, dessen Heer schwächer war als das feindliche, und dem durch Verhaltungsbefehle die Hände gebunden waren, traf ganz andre Maßregeln.

Sobald der Prinz von Lothringen und Feldmarschall Traun von den falschen Schritten der Franzosen erfuhren, sandten sie Nadasdy mit allen Kähnen, die sie in der Stille zusammengebracht hatten, von ihrem linken Flügel ab, um bei dem Dorfe Schreck eine Brücke über den Fluß zu schlagen. Nadasdy ließ sogleich 2 000 Panduren unter dem Freischarenführer Trenck in Nachen über den Rhein setzen. Sie überrumpelten und schlugen ein Detachement von drei kaiserlichen Regimentern, das sich in unverzeihlicher Sorglosigkeit nicht im mindesten vor einem Überfall gesichert hatte. Nadasdy selbst war schon (am 1. Juli) mit 9 000 Husaren über den Rhein gegangen, während hinter ihm in aller Ruhe der Brückenbau vollendet wurde. Auf die Kunde von diesem Übergang vereinigte Seckendorff mit 20 000 Mann sich mit einem französischen Korps, das der junge Coigny befehligte, und eilte den drei erwähnten kaiserlichen Regimentern zu Hilfe, noch ehe der Fürst von Waldeck sein Lager bei Rettigheim abgebrochen hatte, um zu Nadasdy zu stoßen. Alle Offiziere beschworen Seckendorff, Nadasdy anzugreifen. Er hätte ihn leicht in den Rhein werfen und durch diesen einzigen Schlag alle Pläne des Prinzen von Lothringen vereiteln können. Aber Seckendorff war nicht dazu zu bewegen. Er ließ sich an einem leichten Scharmützel mit den Ungarn genügen, und als er erfuhr, daß Marschall Coigny sich auf Landau zurückgezogen habe, marschierte er über Germersheim, um sich schleunigst mit ihm zu vereinigen.

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Seit dem 2. Juli befand sich der Prinz von Lothringen im Besitz des Rheines von Schreck bis Mainz. Nadasdy und der Fürst von Waldeck standen schon am andern Ufer; Bernklau hatte bei Mainz ebenfalls den Fluß überschritten. Der Prinz von Lothringen brauchte drei Tage, um mit der Hauptarmee auf seinen Brücken hinüberzukommen. Kaum hatte er auf der andern Seite Fuß gefaßt, so schickte er schon ein Detachement ab, um Lauterburg zu nehmen und sich der dortigen Linien zu bemächtigen. Nadasdy stieß bis Weißenburg vor, besetzte es und stellte sich in den dortigen Linien auf. Bei dieser Gelegenheit machten die Österreicher 1 600 Gefangene. Nun merkte Coigny, wie wichtig es für ihn sei, das Unterelsaß vor dem Prinzen von Lothringen zu besetzen. Er kam ihm zuvor, ließ Weißenburg mit Sturmleitern ersteigen und trotz heftigen Widerstandes die Verschanzungen mit Gewalt einnehmen. Nadasdy, aus seiner Stellung vertrieben, zog sich zur Hauptarmee zurück, die bei Lauterburg lagerte und nicht den Mut hatte, Weißenburg anzugreifen, weil die Detachements Bernklau und Leopold Daun noch nicht eingetroffen waren. Coigny benutzte die Frist und das Hochwasser des Rheins, das die Vereinigung der feindlichen Korps verhinderte. Er ging über die Sauer, dann bei Hagenau über die Moder und lagerte bei Bischweiler.

Coignys Abzug brachte den Prinzen von Lothringen auf den Gedanken, Fort Louis, das sehr schlecht verproviantiert war, zu blockieren. Zu dem Zweck nahmen Nadasdy und Bernklau Stellung bei Wörth (12. Juli), Beinheim und auf den Inseln um Fort Louis. Doch das Hochwasser des Rheins rettete den Platz. Die Besatzung erhielt wieder Verbindung mit Straßburg, man verstärkte den Ort und versah ihn mit Lebensmitteln. Nach diesem Fehlschlage ließ der Prinz von Lothringen seine leichten Truppen gegen die Flügel der französischen Armee und in das Hagenauer Wäldchen vorgehen und hinderte dadurch die feindlichen Streifzüge jenseits der Moder. Marschall Coigny war über seine Lage sehr verlegen und berichtete sie dem Hofe. Ludwig XV. entschloß sich, zur Rettung des Elsaß mit 40 000 Mann Elitetruppen von seiner flandrischen Armee dem Marschall persönlich zu Hilfe zu eilen, und befahl ihm, sich inzwischen durchzulawieren und vor allem seine Truppen vollzählig zu erhalten. Das bestimmte Coigny, seine Maßnahmen zu ändern und sich auf keinen Kampf einzulassen. Nadasdy, jetzt durch reguläre Truppen verstärkt, fing an, sich gegen die Höhen von Reichshofen und Wasenburg auszudehnen, als hätte er die Absicht, das französische Lager bei Lichtenberg und Buchsweiler zu umgehen. Daraufhin zog Coigny sich über Brumath auf Straßburg zurück (31. Juli) und nahm Stellung am Kanal von Molsheim, verließ sie aber bald, um die Pässe bei Pfalzburg und Markirch zu gewinnen. Diese Bewegung machte er, um zu verhindern, daß der Prinz von Lothringen, der bei Brumath stand und Brücken über die Moder schlagen ließ, die Gebirgspässe besetzte, durch die das Heer des Königs kommen mußte, um sich mit ihm zu vereinigen.

Der König von Frankreich traf am 4. August in Metz ein. Dort erwartete er die flandrischen Truppen, um an ihrer Spitze die Armee des Prinzen von Lothringen an<170>zugreifen und sie, wenn möglich, zu vernichten. Der König von Preußen hatte den Feldmarschall Schmettau170-1 zu Ludwig XV. gesandt, sowohl um über die Bewegungen des französischen Heeres unterrichtet zu werden, wie um den König von Frankreich zur Erfüllung seiner Verpflichtungen anzutreiben, nämlich die Truppen der Königin, wenn sie über den Rhein zurückgingen, zu verfolgen und bis nach Bayern zu treiben. Schmettau meldete dem allerchristlichsten König, der König von Preußen werde am 17. August ins Feld rücken170-2 und wolle bei seiner Diversion zur Rettung des Elsaß 100 000 Mann anwenden. Der Feldmarschall setzte alle Hebel in Bewegung, um den französischen Heeren mehr Leben und Tatkraft einzuflößen, und vielleicht wäre ihm das auch geglückt, wäre Ludwig XV. in Metz nicht erkrankt. Es fing mit Kopfschmerzen an, die seine Ärzte und Wundärzte einem Geschwür im Gehirn zuschrieben. Sie erklärten das Leiden für unheilbar. Sofort umgab man den König mit Beichtvätern, Priestern und dem ganzen Apparat, dessen sich die römische Kirche bedient, um den Sterbenden ins Jenseits zu verhelfen. Der Bischof von Soissons, ein blöder Fanatiker, verkaufte seinem Herrn seine Öle und Sakramente um den Preis der Herzogin von Chateauroux, die er zum Opfer bringen mußte. Sie mußte Metz verlassen und erhielt den strengsten Befehl, nie wieder vor dem König zu erscheinen. Aber weder die letzte Ölung noch die Sakramente retteten ihm das Leben. Ein ganz gemeiner Wundarzt erschien und versicherte, er würde den König kurieren, wenn man ihm freie Hand ließe. Ein Nebenbuhler trat nicht auf, und durch ein kräftiges Brechmittel genas der König von seiner Krankheit, die nur eine Verdauungsstörung war. Die Hofärzte verloren ihren Kredit, aber die allgemeinen Angelegenheiten litten noch größeren Schaden.

Während der Krankheit des Königs war der Herzog von Harcourt in Pfalzburg eingetroffen. Nadasdy hatte bereits Zabern eingenommen und schickte sich an, durch die vom Herzog besetzten Pässe zu dringen. Doch umsonst! Der Herzog harrte, obwohl mehrfach angegriffen, bis zum 16. aus, wo die Hilfstruppen aus Flandern zur Armee stießen. Der Prinz von Lothringen hatte schon Befehl zum Rückzuge erhalten. Er traf bereits seine Maßregeln, und es hing nur vom Marschall Noailles ab, die Lage auszunutzen. Allein seine übertriebene Vorsicht verdarb alles. Umsonst gab Schmettau sich die größte Mühe, ihn anzufeuern. Was hätte Frankreich denn auch dabei gewagt? Selbst wenn Noailles geschlagen wurde, mußten die Truppen der Königin trotzdem das Elsaß räumen. Siegten die Franzosen aber, so vernichteten sie das österreichische Heer. Denn bei lebhafter Verfolgung wären die Österreicher, statt über die Rheinbrücken zurückzukehren, im Strome ertrunken. Nun (13. August) rückten die Franzosen und Bayern langsam auf Hochfelden, wohin sich Nadasdy schon zurückgezogen hatte. Noailles sandte drei Detachements an die Mo<171>der und erfuhr durch Löwendahl, der auf Drusenheim marschiert war, daß die Österreicher ihr Lager bei Brumath verlassen hätten und sich ihren Brücken bei Beinheim näherten. Jetzt wurde Graf Belle-Isle von Suffelnheim mit einem Korps vorgeschickt. Die Franzosen überschritten die Moder und verfolgten die Österreicher. Belle-Isle zwang den Feind, das Dorf Suffelnheim mit Verlust zu räumen (23. August), und Noailles trat den Vormarsch an, um sich mit Löwendahl zu vereinigen. Noch am selben Abend griffen die französischen Grenadiere das Dorf Achenheim an, das von österreichischen Grenadieren und ungarischen Truppen verteidigt wurde, und nahmen es ein, hielten sich dann aber mit überflüssigen Förmlichkeiten auf, sodaß der Prinz von Lothringen diese Frist benutzen konnte, um auf seinen Beinheimer Brücken über den Rhein zurückzugehen und die Brücken noch vor Morgengrauen abzubrechen. Die Franzosen machten viel Aufhebens von diesem Gefecht, aber das war nur Prahlerei. Der beiderseitige Verlust betrug keine 600 Mann, und der Prinz von Lothringen setzte ungestört seinen Marsch durch Schwaben und die Oberpfalz fort, um danach in Böhmen einzudringen. Schmettau, der dem König attachiert war, geriet in Verzweiflung über die Schlaffheit der Franzosen. Er reichte dem König Denkschriften ein, bestürmte die Minister, schrieb an die Marschälle. Aber eher hätte er Berge versetzt, als diese Nation aus ihrer Trägheit aufgerüttelt.

Der entscheidende Augenblick, wo die Franzosen das Heer der Königin hätten vernichten können, war ungenutzt verstrichen. Schmettau versuchte die Marschälle wenigstens von der geplanten Belagerung Freiburgs abzubringen. Auch das war umsonst. Er erreichte weiter nichts, als daß man ihm einige deutsche Truppen zur Verstärkung der Kaiserlichen versprach, mit deren Unterstützung Seckendorff die Österreicher aus Bayern vertreiben sollte. Diese Truppen sollten im Frühjahr 1745 auf 60 000 Mann gebracht werden. So verstießen die Franzosen gleich im Anfang ihres Bündnisses mit den Preußen gegen die beiden Hauptartikel ihres Vertrages. Sie ließen den Prinzen von Lothringen unverfolgt entkommen, und das Heer, das Westfalen besetzen sollte, erschien überhaupt nicht. Inzwischen rückte Seckendorff mit schwerfälligen, abgemessenen Schritten auf den Lech zu, und Ludwig XV. begann mit 70 000 Franzosen die Belagerung von Freiburg, eroberte es am Ende des Feldzuges und ließ die Festungswerke schleifen.

Die Erfolge des Prinzen von Lothringen im Elsaß zwangen den König von Preußen zur vorzeitigen Eröffnung seines Feldzuges. War doch zu befürchten, daß die Franzosen unter dem Drucke der österreichischen Erfolge auf alle Bedingungen eingingen, die der übermütige Sieger ihnen diktierte. Dann aber stand es außer Zweifel, daß die Königin mit allen Kräften zur Wiedereroberung Schlesiens schreiten würde.

Aber auch die politischen Maßnahmen, die der Berliner Hof plante, waren von ihrer Verwirklichung noch weit entfernt. Graf Bestushew hatte seine Stellung durch La Chétardies Ausweisung aus Rußland befestigt. Er beredete die Kaiserin Elisabeth, sich in Moskau krönen zu lassen und dann eine Wallfahrt nach Kiew zu Ehren<172> irgend eines Heiligen zu machen. Die Kaiserin hatte Günstlinge; Bestushew wollte ihnen Nebenbuhler erwecken. In Troizkoi war ein für seine Manneskraft berühmter Archimandrit. Bestushew fand Mittel und Wege, den Mönch mit einer Kammerfrau Elisabeths zusammenzubringen. Die verriet der Kaiserin ihre prächtige Entdeckung und die fabelhaften Liebesbeweise, die der Archimandrit zu geben vermochte. Elisabeth wollte diese Wunder am eignen Leibe erfahren und ließ sich den Archimandriten vorstellen. Weder sein langer, abstoßender Bart, noch seine krausen Haare und sein Bocksgeruch schreckten sie ab. Sie gab sich ihm hin und fand, daß seine Leistungen seinen Ruf noch übertrafen. Durch diese neue Liebschaft wurde die Kaiserin ihrem Hofe entzogen, und die Staatsgeschäfte wurden verschleppt. Sie lebte und atmete nur noch in der Anbetung des neuen Herkules. Das war der Triumph des Ministers. Alsbald erging Befehl, daß alle, die mit Rußland zu verhandeln hätten, sich künftig nicht an die Kaiserin, sondern an ihren Minister wenden sollten. Bestushew verdiente dabei viel Geld, und Mardefeld bemerkte mit Kummer, daß die englischen Guineen bei dem russischen Minister stärker zu wirken begannen als die preußischen Taler. Bei allen Projekten muß man mit dem Ungefähr zufrieden sein. Das Bündnis mit Rußland war zwar nicht so, wie man es hätte wünschen können. Wenn der Krieg aber mit Nachdruck geführt wurde, so konnte der König auf seine Beendigung hoffen, bevor Rußland, das in seinen Entschlüssen langsam war, eine seinen Unternehmungen hinderliche Entscheidung getroffen hatte.

Nachstehend die allgemeine Disposition zum Einmarsch in Böhmen, der die Königin zur Rückberufung ihrer Truppen aus dem Elsaß zwingen sollte. Die preußische Hauptarmee sollte in drei Kolonnen in Böhmen einmarschieren. Die erste, unter Führung des Königs, sollte am linken Elbufer bis Prag vordringen, die zweite unter dem Befehl des Erbprinzen Leopold durch die Lausitz ziehen, die Elbe zur Rechten behalten und zur gleichen Zeit bei Prag eintreffen. Beide Kolonnen deckten die Artillerie und den Proviant für drei Monate, der auf der Elbe eingeschifft und nach Leitmeritz beordert war. Mit einer dritten Kolonne sollte Feldmarschall Schwerin aus Schlesien über Braunau in Böhmen einrücken und sich mit dem übrigen Heere zur Einschließung Prags vereinigen. Außerdem deckte der alte Fürst von Anhalt mit 17 000 Mann die Kurmark, und Marwitz sollte mit 22 000 Mann Oberschlesien verteidigen.

Der Kaiser hatte den König von Polen durch ein Requisitionsschreiben aufgefordert, den kaiserlichen Hilfstruppen aus Preußen freien Durchzug durch sein Kurfürstentum Sachsen zum Einmarsch in Böhmen zu gestatten. August III. war zu jener Zeit in Warschau. Das kaiserliche Schreiben wurde seinen Ministern, die in seiner Abwesenheit Sachsen regierten, durch Winterfeldt ausgehändigt, denselben, der die Unterhandlungen in Petersburg geführt und sich im Ersten Schlesischen Kriege so hervorgetan hatte172-1. Die Sachsen waren über die Anforderung verblüfft. Sie wollten<173> Zeit gewinnen, aber die Preußen waren schon auf ihrem Gebiete. Sie protestierten und zeterten umsonst gegen ein Vorgehen, das nur den Zweck hatte, die schmachvolle Unterdrückung und Absetzung des Reichsoberhauptes zu verhüten.

Der Dresdener Hof jammerte, der Warschauer tobte, der Londoner sah, daß man ihm vorgegriffen hatte, und der Wiener erbebte. Indessen rückte der König stracks auf Pirna, wo die magdeburgischen Regimenter, die über Leipzig marschiert waren, zu ihm stießen. Ganz Sachsen war in Aufregung. Die sächsischen Truppen versammelten sich tropfenweise bei Dresden, das man in aller Eile zu befestigen suchte. Selbst die Handwerker mußten bei den Verschanzungen der Neustadt helfen. Die sächsischen Minister wollten Stolz zeigen, waren aber zugleich voller Furcht. Einerseits bewilligten sie zu viel, und andrerseits verweigerten sie hartnäckig Kleinigkeiten. Hätte der König das Land erobern wollen, so wäre das in acht Tagen geschehen. Schließlich gaben sie Lebensmittel her, liehen Schiffe zum Übersetzen über die Elbe und ließen die Proviantflotte ungestört durch Dresden fahren. Aber die Besatzung der Hauptstadt wurde verdoppelt, die Geschütze in Stellung gebracht, die Tore geschlossen und verrammelt und den preußischen Offizieren der Eintritt verwehrt. Das Benehmen der Sachsen verriet deutlich ihre Feindseligkeit. Sie waren gefährliche Nachbarn, und man mußte gewärtigen, daß sie sich alle Mißerfolge der Preußen in diesem Feldzuge zunutze machen würden. Immerhin traute man ihnen nicht zu, daß sie sich für die Königin von Ungarn völlig aufopfern würden, zumal das Korps unter dem Befehl des alten Fürsten von Anhalt ihnen ein klügeres Verhalten einflößen mußte.

Dem Einmarsche der Preußen ging ein Manifest vorauf. Es enthielt im wesentlichen eine Darstellung der Beweggründe der Frankfurter Union, die zwischen dem Kaiser, Preußen, dem Kurfürsten von der Pfalz und dem Landgrafen von Hessen zur Aufrechterhaltung der Reichsverfassung, der deutschen Freiheit und zur Beschützung des Reichsoberhauptes geschlossen war173-1. Zugleich wurden in Böhmen Proklamationen verteilt, worin man die Einwohner warnte, sich irgendwie gegen die Hilfstruppen des Kaisers zu vergehen, den sie fortan als ihren rechtmäßigen Herrscher zu betrachten hätten.

Am 23. August kam der König an der böhmischen Grenze an. Vier Husarenregimenter und vier Bataillone marschierten der Armee einen Tag voraus, um die nötigen Lebensmittel beizutreiben. Markgraf Karl173-2, der das zweite Treffen befehligte, bezog das Lager, das der König verlassen hatte. Kein Feind widersetzte sich den Operationen des Heeres. Die kleine Proviantflotte fand bei ihrem Eindringen in Böhmen zuerst Widerstand. Sie mußte den Fuß eines Felsens umfahren, auf dem das Schloß Tetschen liegt. Die feindliche Besatzung wälzte große Steine in die Elbe und legte überdies ein Pfahlwerk an, um die Durchfahrt unmöglich zu machen.<174> General Bonin wurde mit einigen Truppen detachiert. Er griff den Feind an und nahm einen ungarischen Hauptmann mit 70 Mann gefangen. Der Strom wurde schleunigst wieder schiffbar gemacht. Der kleine Zwischenfall verzögerte den Marsch um zwei Tage. Die Zietenhusaren überrumpelten feindliche Truppen bei dem Flecken Muncifay. 300 Mann wurden niedergehauen und 50 gefangen genommen. Durch ihre Aussagen erfuhr man, daß Batthyany mit 12 000 Mann aus Bayern gegen die Beraun anrückte, ferner, daß er 3 000 Mann nach Prag geworfen hätte, zu denen ein Korps von 12 000 Mann Miliz gestoßen sei.

Der König langte am 2. September mit seinem ganzen Heere vor Prag an und bezog sein Lager beim Kloster St. Maria de Victoria. Feldmarschall Schwerin und Erbprinz Leopold berannten die Neustadt. Es dauerte acht Tage, bis das schwere Geschütz und die Lebensmittel aus Leitmeritz anlangten. In diesen Ort wurde ein Bataillon zur Deckung der Magazine gelegt, die man aus Mangel an Pferden nicht weiterschaffen konnte. Die Moldau, die sich bei Melnik in die Elbe ergießt, ist nämlich nicht schiffbar. Mittlerweile wurden alle Vorbereitungen zur Belagerung getroffen.

Inzwischen erfuhr man durch Spione, daß Batthyany ein großes Magazin in Beraun anlegte. Husaren, die man zur Erkundung der nach Beraun führenden Wege abschickte, bestätigten die Meldung. Es verlockte den König, das Magazin fortzunehmen. Zu dem Zweck schickte er General Hacke mit fünf Bataillonen und 600 Husaren nach Beraun. Aber trotz aller Sorgfalt, die Unternehmung geheimzuhalten, bekam Batthyany Wind davon und sandte Verstärkungen ab. Als Hacke über die Berauner Brücke gegangen war und das Stadttor gesprengt hatte, sah er zwei starke Kavallerieabteilungen rechts und links durch den Fluß setzen und seine Flanken bedrohen. Sofort gab er den Angriff auf und zog sich auf die Höhen zurück, wo er mit seiner Infanterie ein Karree formierte. Er wurde von der feindlichen Reiterei und einer starken ungarischen Infanterieabteilung heftig angegriffen, doch gelang es ihm, eine Meldung über seine schlimme Lage ins preußische Lager vor Prag zu senden. Auf die Nachricht hin eilte der König ihm mit 80 Schwadronen und 16 Bataillonen zu Hilfe. Aber Hacke hatte den Feind schon tapfer zurückgeschlagen und sich aus der Bedrängnis befreit. So mißlang der Handstreich gegen Beraun, und Batthyany ließ sein Magazin schleunigst nach Pilsen schaffen. Zweifellos hätte der König den Angriff auf Beraun wiederholen, Batthyany aus Pilsen vertreiben und ihm sein Magazin wegnehmen müssen. Dadurch hätte das österreichische Heer die Lebensmittel verloren, die Batthyany inzwischen zusammengebracht hatte. Der Prinz von Lothringen wäre nach Oberösterreich zurückgetrieben und der Feldzug siegreich beschlossen worden, indem man im Besitz von Böhmen blieb. Aber das Proviantwesen war beim preußischen Heere schlecht verwaltet. Es fehlten Männer wie Séchelles174-1.

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Am 10. abends wurden die Laufgräben vor Prag an drei verschiedenen Stellen eröffnet: auf dem Lorenzberge, bei Bubenetsch gegenüber der Mühle an der unteren Moldau und auf dem Ziskaberge. Graf Truchseß befehligte die erste Angriffslinie, Markgraf Karl die zweite, Feldmarschall Schwerin die dritte. Die erste Nacht verlief ohne Verluste. Tags darauf griff Feldmarschall Schwerin die Ziskaschanze an und erstürmte sie nach kurzem Bombardement. Gleich darauf eroberte er zwei kleine dahinterliegende Schanzen, die sogenannten Schwalbennester, die von den Franzosen angelegt waren (12. September). Der König befand sich gerade im Laufgraben von Bubenetsch. Er trat mit vielen Offizieren heraus, um den Angriff auf den Ziskaberg zu beobachten. Die Feinde erblicken den großen Menschenhaufen und feuerten darauf. Ein unglücklicher Schuß tötete den Prinzen Wilhelm, den Bruder des Markgrafen Karl, denselben, der bei Mollwitz so tapfer für den Ruhm seines Vaterlandes gefochten hatte. Nun schob man die Batterien unverzüglich vor, sodaß sie in den Hauptwall zwischen den Bastionen Nikolaus und Peter eine Bresche schossen. Am 15. setzten die Batterien des Markgrafen Karl durch ihr heftiges Bombardement die Mühle am Wasser in Brand und zerstörten die Schleusen der Moldau. Der Wasserstand wurde dadurch so niedrig, daß man den Fluß überall durchwaten und die Stadt erstürmen konnte, da auf dieser Seite ein großes Stück ohne Wall und Mauern war. Der Kommandant Harsch begann an der Verteidigung Prags zu verzweifeln. Am 16. frühmorgens sah er eine starke Grenadierabteilung nach Bubenetsch marschieren. Er wußte, das war das Vorspiel der Erstürmung, bat um Kapitulation und ergab sich mit seiner Besatzung von 12 000 Mann. Die ganze Belagerung hatte nur acht Tage gedauert. Sie kostete den Belagerern 40 Tote und 80 Verwundete. Am selben Tage wurden die Tore geöffnet und die Besatzung nach Schlesien abgeführt, wo sie auf die Festungen verteilt ward.

Die Eroberung Prags war ein glänzender Anfang des Feldzuges. Man durfte annehmen, daß dies Ereignis Eindruck auf die Sachsen machen und daß sie nun weniger denn je die Partei der Königin von Ungarn ergreifen würden. Man konnte voraussetzen, daß sie ihr Kurfürstentum nicht von Truppen entblößen und es dadurch dem Fürsten von Anhalt ausliefern würden. War Leipzig, der Hauptsitz ihres Handels, in seiner Gewalt, so konnte er den Nerv ihres Staates und die Quelle ihres Kredits zugrunde richten. Doch das englische Gold siegte in Dresden über die wahren Interessen des Landes.

Die preußische Armee hatte jetzt die Wahl zwischen zwei Operationen. Die eine, die auch in den Augen des Königs den Vorzug verdiente, bestand darin, über die Beraun zu gehen, Batthyany aus Böhmen zu vertreiben und sich der Stadt Pilsen mit ihrem beträchtlichen Magazin für das Heer des Prinzen von Lothringen zu bemächtigen und dann bis zu den Pässen von Cham und Furth vorzudringen, die den Österreichern den Einmarsch nach Böhmen von der Oberpfalz her gestatteten. Allerdings konnte der Prinz von Lothringen sich auf Eger werfen, wo die Sachsen zu ihm gestoßen<176> wären, konnte am Egerfluß entlang marschieren, auf dem Wege, den der Marschall Belle-Isle bei seinem Rückzuge aus Prag eingeschlagen hatte. Aber wo wären die Lebensmittel für die österreichische Armee hergekommen? Die Markgrafschaft Bayreuth war arm und unfruchtbar. Wer hätte inzwischen Österreich verteidigt, das Marwitz ganz allein hätte erobern können, da er nirgends auf Widerstand stieß? Zweifellos hätte man diesen Plan ausführen sollen. Allein der Kaiser, der König von Frankreich und besonders Marschall Belle-Isle bestanden darauf, daß die Preußen sich nach Tabor, Budweis und Neuhaus wenden sollten, um eine Verbindung mit Bayern herzustellen und den Prinzen von Lothringen in Sorge um Österreich zu versetzen. Ja, Marschall Belle-Isle behauptete steif und fest, nur weil man es unterlassen hätte, jene Orte zu besetzen, hätten die Franzosen und Bayern im Jahre 1741 so viel Unglück gehabt. Allein, was unter gewissen Umständen gut war, ist unter veränderten Verhältnissen noch lange nicht das Rechte. Ohne Zweifel waren jene Orte im Jahre 1741 für die Verbündeten notwendig, weil sie damals noch Bayern und Oberösterreich besaßen. Jetzt aber, im Jahre 1744, waren nur Österreicher in diesen Ländern. Außerdem machte man es durch einen weiten Vorstoß des preußischen Heeres von seinen Landesgrenzen den Sachsen leicht, sich mit dem Prinzen von Lothringen zu vereinigen oder sogar etwas gegen Prag zu unternehmen. Das klügste wäre gewesen, sich nicht zu weit von Prag zu entfernen, hier, sowie in Pardubitz und andern Orten Magazine anzulegen und den Anmarsch des Feindes ruhig abzuwarten. Der König zeigte in diesem kritischen Augenblick zuviel Schwäche. Aus Nachgiebigkeit gegen seine Verbündeten bequemte er sich zu sehr ihren Meinungen an. Auch fürchtete er beim Verweilen in Prag den Vorwurf, daß er auf nichts andres bedacht sei als auf die drei ihm versprochenen Kreise. So unternahm er denn den unglücklichen Zug, dessen Ausführung ebenso fehlerhaft war wie seine allgemeine Anlage. Es wurde versäumt, das Mehl von Leitmeritz nach Prag zu schaffen. Das schwere Geschütz, das zur Belagerung von Prag gedient hatte, wurde nicht nach Schlesien zurückgeschickt, und schließlich ließ man in der umfangreichen Stadt nur sechs Bataillone Besatzung, die sie nicht zur Hälfte verteidigen konnten.

Geht man am rechten Ufer der Moldau flußaufwärts und läßt Prag hinter sich, so kommt man durch ein gebirgiges, unwegsames Land, das ebenso dünn besiedelt wie unfruchtbar ist. Rückt man elf Meilen gegen Osten vor, so gelangt man nach dem Felsennest Tabor. Es wurde im 15. Jahrhundert von dem berühmten hussi-tischen Räuberhauptmann erbaut, der sein Vaterland verteidigte und zugleich verwüstete. In jenen fernen Zeiten galt Tabor für uneinnehmbar. Jetzt könnte es bequem gestürmt werden. Es liegt freilich vorteilhaft, ist aber klein, nur von einer schlechten Mauer umgeben. Wendet man sich von da gegen Süden, so kommt man an die Luschnitz, einen überall durchwatbaren Fluß, dessen Ufer aber an vielen Stellen steil sind. Nach Überschreitung der Luschnitz muß man drei Meilen weit durch Wälder und Felsen ziehen. Danach kommt man in eine fruchtbare Ebene und gelangt nach <177>zwei Meilen nach Budweis an der Moldau. Die Stadt ist nur mit Erdschanzen und einem damals noch unfertigen Walle befestigt. Gegenüber von Budweis, dreiviertel Meilen südlich, am anderen Ufer der Moldau, liegt auf der Spitze eines Hügels das Schloß Frauenberg, berühmt wegen der sechsmonatigen Belagerung, die die Franzosen dort aushielten. So war das Land beschaffen, wo die preußische Armee operieren sollte.

Da sich die Sachsen noch für keine Partei erklärt hatten, so brach die Armee am 17. September nach Kunratitz auf. Von da rücke General Nassau mit der Avantgarde, 10 Bataillonen und 40 Schwadronen, voraus. Die Armee selbst wurde in zwei Kolonnen geteilt. Die rechte unter dem Erbprinzen Leopold zog an der Moldau entlang und mußte sich erst Wege bahnen. Die linke unter dem Feldmarschall Schwerin marschierte auf der Straße von Prag nach Tabor Schritt für Schritt hinter der Avantgarde. Außerdem war angeordnet, daß beide Kolonnen zwischen ihren Standorten höchstens einen Zwischenraum von einer halben deutschen Meile lassen sollten. Hinter der linken Kolonne folgte General Posadowsky mit 1 500 Mann zur Bedeckung der Mehlwagen.

Tabor, Budweis und Frauenberg ergaben sich dem General Nassau fast ohne Widerstand. Die Armee traf am 26. in Tabor ein, wo die Kolonnen wieder zusammenstießen. Posadowsky brachte aber nur die Hälfte seiner Proviantwagen mit, d. h. nur für vierzehn Tage Mehl. Die Pferde und Ochsen des Transports waren so vernachlässigt worden, daß die Hälfte verendet war, obwohl man auf dem ganzen Marsche keinen Feind erblickt hatte. Das war die Quelle alles späteren Unglücks. Kaum war die Armee zwei Tagemärsche von Prag entfernt, so schickte Batthyany einige tausend Kroaten und Husaren nach Beraun und nach Königssaal, zwei Meilen oberhalb von Prag, an der Mündung der Beraun in die Moldau. Diese leichten Truppen fingen alle Lieferungen, die das platte Land machen sollte, auf und schnitten alle Verbindungen ab, sodaß die preußische Armee vier Wochen lang keine Nachrichten von Prag und von den Vorgängen im übrigen Europa erhielt. Zwei für den König bestimmte Postsäcke wurden aufgehoben. Infolgedessen erfuhr er weder von dem Marsche der Sachsen noch von dem Verbleib der Armee des Prinzen von Lothringen.

Es muß seltsam erscheinen, daß ein so starkes Heer wie das preußische weder imstande war, das platte Land in Respekt zu halten und zu den nötigen Lieferungen zu zwingen, noch sich mit Lebensmitteln zu versehen und eine genügende Zahl von Spionen zu halten, die es von der geringsten Bewegung der Feinde unterrichteten. Doch man muß sich klarmachen, daß in Böhmen der hohe Adel, die Priester und Amtmänner dem Hause Österreich sehr zugetan sind, daß religiöse Vorurteile dem ebenso dummen wie abergläubischen Volke eine unüberwindliche Abneigung gegen die Preußen einflößten und daß der Wiener Hof den sämtlich leibeigenen Bauern befohlen hatte, ihre Hütten beim Anmarsch der Preußen zu verlassen, ihr Getreide zu vergraben und sich in die benachbarten Wälder zu flüchten. Auch war ihnen Ersatz<178> für allen von den Preußen angerichteten Schaden versprochen. Die Armee fand also auf ihrem Wege nichts als Wüsteneien und leere Dörfer. Niemand brachte Lebensmittel zum Verkauf ins Lager. Das Volk fürchtete die harten Strafen der Österreicher und ließ sich durch kein Geld überreden. Die Not wuchs noch, als die Österreicher ein Korps von 10 000 Husaren aus Ungarn heranzogen, das den Preußen in diesem nur aus Morästen, Wäldern, Bergen und allen möglichen Defileen bestehenden Lande jegliche Verbindung abschnitt. Bei seiner Überlegenheit an leichten Truppen hatte der Feind ferner den Vorteil, alles, was im Lager des Königs vorging, zu erfahren, während die Preußen keine Streifkorps auszuschicken wagten, da sie dieselben bei ihrer geringen Stärke für verloren ansehen mußten. So war denn das Heer des Königs, das stets nach römischer Art verschanzt stand, auf den Umkreis seines Lagers beschränkt.

Als zu all diesem Ungemach auch noch der Mangel an Lebensmitteln trat, mußten die Preußen auf dem Wege, den sie gekommen waren, wieder zurückkehren. Feldmarschall Schwerin war dafür, auf Neuhaus zu rücken, um die Besorgnis des Feindes wegen Österreichs zu vermehren. Erbprinz Leopold jedoch bestand darauf, nach Budweis zu marschieren, das General Nassau besetzt hielt. Inzwischen brachte ein Spion die Meldung, daß die Armee des Prinzen von Lothringen bei Protiwin stände. Das gab den Ausschlag. Das preußische Heer ging über die Moldau zurück und lagerte sich auf den Höhen von Wodnian. Kaum aber war es hier angelangt, so stellte sich heraus, daß die erwähnte Meldung falsch gewesen war. Hieraus entstand ein Zerwürfnis zwischen Schwerin und dem Erbprinzen Leopold. Der König mußte oft mit seiner ganzen Autorität dahin wirken, daß die Eifersucht der beiden Feldmarschälle nicht zur Schädigung der allgemeinen Interessen führte.

Oberstleutnant Janus von den Dieuryschen Husaren sollte die Lieferungen des Landvolks in der Gegend von Tabor beitreiben. Das Bedürfnis war um so dringender, als die Mehlvorräte des Heeres zu Ende gingen. Janus rückte mit 200 Husaren in ein Dorf Mühlhausen am Ufer der Moldau. Der Feind bekam Nachricht davon und überfiel ihn mit einer starken Husarenabteilung. Er aber als tapferer Mann zog den Tod der Niederlage vor. Sein ganzes Häuflein wurde zersprengt (4. Oktober). Nadasdy schlug bei Mühlhausen Brücken und rückte geradewegs auf Tabor vor. Aber Prinz Heinrich, des Königs Bruder, der dort krank lag, und Oberst Kalnein, der Kommandant des Ortes, zeigten ihm handgreiflich, daß man eine von den Preußen verteidigte Stadt mit leichter Reiterei nicht einnehmen kann.

Inzwischen traf die Meldung ein, der Prinz von Lothringen hätte ein befestigtes Lager hinter der Wottawa, zwei Meilen von Pisek, bezogen, die Sachsen wären zu ihm gestoßen und er beabsichtige, im Rücken der Preußen über die Moldau zu gehen, um sie von der Sazawa und folglich auch von Prag abzuschneiden. Der Mangel an Lebensmitteln, die Hindernisse, die Nadasdy ihrer Beitreibung in den Weg legte, und die Möglichkeit, daß die Österreicher die erwähnte Bewegung ausführten, bestimmten die Preußen, sich Tabor zu nähern. Sie gingen am 8. Oktober auf der Brücke<179> bei Thein über die Moldau. Die Arrieregarde wurde von Panduren und Husaren lebhaft beunruhigt, setzte ihren Marsch jedoch fort. Der brave Husarenoberst Ruesch nahm ein ganzes Bataillon Dalmatier gefangen, das sich zu weit vorgewagt hatte, und schlug ein ihm weit überlegenes feindliches Korps, wonach er wieder zur Armee stieß. Der König bezog wieder das Lager bei Tabor, um dem nach Neuhaus detachierten General Du Moulin Zeit zu geben, sich mit dem Gros zu vereinigen.

Die Österreicher waren so sicher, die preußische Armee von Prag abschneiden zu können, daß sie schon in Beneschau, ja selbst im Chrudimer Kreise Magazine anlegen ließen. Zu spät bereute es nun der König, keine stärkere Besatzung in Prag zurückgelassen zu haben. Der Plan, zwischen Tabor, Neuhaus, Budweis und Frauenberg Winterquartiere zu beziehen, war verkehrt. Zwischen diesen Orten und Prag gab es keine mit Mauern versehene Stadt, die zur Aufrechterhaltung der Verbindung mit der Hauptstadt dienen konnte. Die Moldau war überall zu durchwaten und ihr linkes Ufer mit undurchdringlichen Waldungen bedeckt, aus denen die leichten Truppen der Österreicher die preußischen Winterquartiere unaufhörlich beunruhigen konnten. Hätte es nur nicht an Lebensmitteln gefehlt, so konnte sich der König wenigstens zwischen der Sazawa und der Luschnitz behaupten. Aber Nahrungsmangel ist im Kriege das stärkste Argument, und da die Gefahr, Prag zu verlieren, groß war, sobald man sich nach der Sazawa und Luschnitz wandte, sah sich die preußische Armee zur Umkehr gezwungen.

Noch war der König unschlüssig, ob er die Stellung bei Budweis und Tabor halten oder räumen sollte. Allerdings war zu befürchten, daß der Feind jene beiden Städte mit Gewalt einnehmen würde. Andrerseits war zu bedenken, daß 300 Kranke und Verwundete in Tabor hatten zurückbleiben müssen, weil es an Fuhrwerk zu ihrer Fortschaffung fehlte. Man wollte die braven Leute nicht ganz aufgeben. Es wurde also beschlossen, in beiden Städten eine Besatzung zurückzulassen. Da seit der Vereinigung der Österreicher mit den Sachsen eine Schlacht wahrscheinlich war, so hoffte man, sie würden sich nach einer Niederlage bis nach Pilsen zurückziehen müssen, wenn sie Budweis und Tabor besetzt fänden. Eine grundfalsche Rechnung! In kritischen Augenblicken ist es besser, 300 Kranke preiszugeben, als einige tausend Menschen in Städten ohne hinreichende Verteidigungseinrichtungen aufs Spiel zu setzen. Im Gegenteil, wenn man eine Schlacht zu liefern beabsichtigte, mußte man alle Streitkräfte zusammenziehen, um den Feind sicherer schlagen zu können. Auch hätten jene beiden elenden Nester den Prinzen von Lothringen wohl nicht gehindert, seinen Rückzug dahin einzuschlagen, wo es ihm am richtigsten schien. Aber, so sagte man sich, Feldmarschall Seckendorff ist schon in Bayern angelangt, hat Bernklau nach Österreich zurückgetrieben und ganz Bayern bis auf Ingolstadt, Braunau und Straubing vom Feinde gesäubert. Sehr richtig! Aber die Fortschritte der Kaiserlichen durften doch die Preußen nicht abhalten, vernünftig zu handeln, und sie waren auch gar nicht so groß, daß man ungestraft Fehler begehen konnte.

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Unter diesen Umständen war die Stellung bei Beneschau von größter Wichtigkeit. Man mußte sie vor dem Prinzen von Lothringen besetzen, denn sie war unangreifbar und konnte im Besitz des Feindes über das Schicksal der Armee entscheiden. Der einzige Ausweg wäre dann gewesen, bei Rattay über die Sazawa zu gehen und seinen Proviant aus Pardubitz zu beziehen. Feldmarschall Schwerin nahm also mit 15 000 Mann die Stellung bei Beneschau ein und bemächtigte sich auch der ansehnlichen Magazine, die dort für die Österreicher errichtet waren. Am 18. Oktober stieß der König mit der Hauptarmee zu ihm. Die feindliche Avantgarde war schon im Vormarsch auf Beneschau. Die Armee blieb acht Tage zwischen Beneschau und Konopischt stehen. Hier erhielt man eine unangenehme Nachricht, auf die man freilich gefaßt sein mußte: 10 000 Ungarn hatten das Regiment Kreytzen in Budweis und das Pionierregiment in Labor gefangen genommen.180-1 So verlor man 3 000 Mann, um 300 Kranke zu retten. Den König gereute es längst, die beiden Regimenter gewissermaßen preisgegeben zu haben. Er hatte dem Kommandanten von Budweis, General Kreytzen, durch acht verschiedene Boten den Befehl übersandt, die Stadt zu räumen und der Armee zu folgen, aber keiner dieser Befehle hatte ihn erreicht. Budweis ergab sich nach achttägiger Belagerung, nachdem aller Vorrat, den man dort zurückgelassen hatte, verzehrt war. Tabor wurde mit offenem Laufgraben angegriffen und nach viertägiger Belagerung durch eine in die Mauer gelegte Bresche gestürmt. Frauenberg ergab sich180-2, weil die Österreicher die einzige Wasserleitung der Stadt abgeschnitten hatten. Da die Lebensmittel der Armee auszugehen drohten, so wurde Winterfeldt mit einigen Bataillonen und einem Husarenregiment detachiert, um das Magazin von Leitmeritz nach Prag zu schaffen. Als aber die obenerwähnte Avantgarde des Prinzen von Lothringen merkte, daß die Preußen ihr bei Beneschau zuvorgekommen waren, zog sie sich nach Neweklau und von da nach Marschowitz zurück, wo sie sich mit der österreichisch-sächsischen Hauptarmee vereinigte.

Der König war über diese Nachricht hocherfreut. Nun schien ihm der Augenblick gekommen, den bei Tabor und Budweils erlittenen Schimpf zu rächen. Am 24. Oktober nachmittags ließ er die Armee in acht Kolonnen gegen den Feind vorrücken, auf einem Wege, den wohl nie ein Heer betreten hat. Gegen Abend langte er auf einer Höhe, nur eine Viertelmeile vom österreichischen Lager entfernt an. Die Preußen besetzten sie und blieben die ganze Nacht dort stehen. Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch ritt der König mit den hohen Offizieren auf Rekognoszierung. Es ergab sich, daß der Feind sein Lager gewechselt hatte und sich jetzt dem rechten preußischen Flügel gegenüber auf einer steilen Anhöhe befand. Davor zog sich, beide Heere trennend, ein Morast hin, den ein sumpfiger Bach durchfloß. Von dieser Seite war der Feind unangreifbar. Man stellte ein paar Grenadierbataillone in ein dichtes Gehölz, von wo man den rechten Flügel des Feindes sehen konnte, fand ihn aber<181> ebenso vorteilhaft aufgestellt wie den linken. Bei der Unmöglichkeit eines Angriffs auf diese Stellung gab man den Plan ganz auf und beschloß, ins Lager bei Beneschau zurückzukehren. Die Grenadiere, die zur Erkundung des Feindes gedient hatten, bildeten die Arrieregarde. Die Österreicher, die auf einen Angriff gefaßt waren, bemerkten den Abmarsch der Preußen nicht, weil ein Berg ihre Bewegungen verbarg. Bloß beim Nachtrupp kam es zu einem leichten Scharmützel. So nahmen die Preußen ihre Stellung bei Beneschau friedlich wieder ein.

Wenn ein Heer mit 150 Schwadronen über acht Tage in ein und demselben Lager steht, ist es nicht zu verwundern, daß die Fourage ausgeht, zumal in einer gebirgigen und waldreichen Gegend, und wenn man das Landvolk nicht zu Lieferungen anhalten kann. Diese Notlage zwang den König, ein anderes Lager zu wählen, das zugleich seiner Bäckerei näher lag. Die Armee brach also am folgenden Tage auf, ging bei Porschitsch über die Sazawa und nahm Stellung bei Pischely. Zugleich ward General Nassau mit 10 Bataillonen und 30 Schwadronen detachiert, um eine feindliche Abteilung von 10 000 Mann, teils reguläre Truppen, teils Ungarn, von Kammerburg zu vertreiben. Nassau griff den Feind trotz seiner vorteilhaften Stellung auf einer Anhöhe an. Ein paar Kanonenschüsse erschütterten den Gegner. Er verließ seine Stellung und ging bei Nattay über die Sazawa (26. Oktober). Nassau marschierte nebenher, sah, daß der Feind Neu-Kolin vor ihm erreichen wollte, kam ihm zuvor und besetzte den Ort.

Nach dem Scharmützel bei Kammerburg blieben alle Nachrichten vom General Nassau aus. Ebensowenig konnte man ihm Nachrichten zukommen lassen. So groß war die numerische Überlegenheit der österreichischen leichten Truppen über die preußischen. Sie operierten in einem waldreichen Gelände, besaßen die Liebe der Einwohner und waren von allem unterrichtet, indes die Preußen nichts erfuhren. Die Österreicher streiften nach allen Seiten, um sich ihre Überlegenheit zunutze zu machen, und faßten den Plan, den Obersten Zimmernow zu überfallen, der das Magazin in der Festung Pardubitz mit seinem Regiment deckte. Ein Detachement von 1 500 Grenadieren und 600 Husaren, die aus Mähren gekommen waren, verkleidete sich als Bauern und versuchte unter dem Vorwande, dem Magazin Lebensmittel zu liefern, mit Hilfe der Wagen in die Stadt zu dringen. Allein diese List wurde durch einen Österreicher selbst verraten, der unvorsichtigerweise seine Pistole fallen ließ. Die Wachen an den Toren und auf den Außenwerken feuerten auf diese Eindringlinge, die dabei sechzig Mann verloren (19. Oktober). Die wachsame Verteidigung von Pardubitz gereichte Zimmernow sehr zur Ehre. Der Feind aber hatte den Verdruß unnützer Verluste.

Kurz nachdem der König das Lager bei Pischely bezogen hatte, rückte der Prinz von Lothringen ins Lager von Beneschau ein. Das Land war ihm ergeben, die Kreise lieferten ihm Lebensmittel, und so konnte er noch einige Tage dort zubringen, wo die Preußen verhungert wären. Dann rückte er nach Kammerburg, ging über die<182> Sazawa und richtete seinen Marsch auf Janowitz, die Sümpfe hinter sich lassend. Des Prinzen oder vielmehr des alten Feldmarschalls Traun Absicht war, den König zur Wahl zwischen Schlesien und Böhmen zu zwingen. Blieb der König bei Prag stehen, so schnitten ihm die Feinde die Verbindung mit Schlesien ab. Rückte er aber gegen Pardubitz vor, so waren Prag und ganz Böhmen für ihn verloren. Der Plan war schön, ja bewundernswürdig. Zudem wählte Marschall Traun in weiser Vorsicht stets unangreifbare Lager aus, um nicht wider Willen zur Schlacht genötigt zu werden.

Hätte der König den Feind in dem Augenblick angreifen können, wo er sein Lager verließ, so konnte er ihn zum Kampfe zwingen oder die Stellung von Kuttenberg vor ihm erreichen, wodurch alle schönen Pläne Trauns vereitelt worden wären. Aber der Brotmangel, ein in der Erzählung des Feldzuges schon oft angeführter Grund, verhinderte auch dies. Um jedoch selbst das Unmögliche zu versuchen, rückte der König am nächsten Tage mit dem linken Flügel der Armee vor. Erbprinz Leopold sollte am Tage darauf mit dem Proviant, den man aus Prag erwartete, nachfolgen. Das Glück wollte, daß der König im Lager bei Schwarz-Kosteletz einen für den Feind bestimmten dreitägigen Vorrat an Brot, Wein und Fleisch fand, den er an seine Truppen verteilen ließ. Am folgenden Tage wollte er bis Janowitz marschieren, wurde aber durch Spione getäuscht, die ihm versicherten, daß der Prinz von Lothringen schon dort stände. Er schwenkte also links ab, und die Armee bezog ein Lager bei Kaurschim, eine Meile von der Elbe. Erst hier erfuhr man, daß General Nassau bei Neu-Kolin stände und daß ein Brottransport aus Leitmeritz unterwegs sei. Zur Sicherung dieses Transportes wurden Brandeis und Nimburg von Grenadieren besetzt.

Am folgenden Tage stieß Erbprinz Leopold zur Armee, und am übernächsten Tage rückte man nach Planian. Der Feind hatte gleichfalls dorthin gewollt, und so fand man in Planian Lebensmittel im Überfluß. Der rechte Flügel der Preußen lagerte beim Kloster Zasmusk, nur eine Viertelmeile vom linken österreichischen Flügel entfernt, aber Sümpfe und Wälder trennten beide Heere. Indes stand es um Pardubitz schlimm. Die Österreicher waren der Festung um einen halben Tagemarsch näher als die Preußen. Du Moulin wurde mit acht Bataillonen und zehn Schwadronen abgeschickt. Er ging durch Neu-Kolin und deckte Pardubitz und die Magazine.

Die Hauptsache war jetzt, Kuttenberg vor dem Feinde zu erreichen. Man durfte keinen Augenblick verlieren. Obwohl die Truppen durch drei Märsche hintereinander ermüdet waren, wurde beschlossen, am folgenden Tage entweder durch einen Gewaltmarsch bis Kuttenberg zu kommen oder den Prinzen Karl zur Schlacht zu zwingen. Keins von beiden geschah. Wegen eines dichten Nebels, der von sechs Uhr früh bis um Mittag dauerte, ging der halbe Tag verloren, und so sehr man sich nachher auch anstrengte, so kam man bei Einbruch der Nacht doch nicht weiter als bis Groß-Gbel. Dort wurden die Zelte aufgeschlagen. Die Armee hatte Neu-Kolin und die Elbe eine halbe Meile hinter sich. Ihre beiden Flügel lehnten sich an Dörfer, und vor der Front<183> erstreckte sich eine kleine Ebene bis zu einem dichten Gehölz, wo sich der Prinz von Lothringen gelagert hatte. Der Prinz benutzte seine den Preußen gegenüber vorteilhafte Stellung und schickte gegen Abend ein starkes Detachement zur Besetzung der Anhöhe St. Johannes des Täufers, die sehr steil ist und die ganze umliegende Gegend beherrscht. Der König wünschte, eine Schlacht zu liefern, bevor seine Magazine aufgezehrt waren. Ein großer Schlag entsprach seinem Vorteil, aber nicht dem der Österreicher, und so vermieden sie ihn sorgfältig. Während der Prinz von Lothringen und Traun ihre Stellung auf dem Gipfel der Felsen nahmen, lagerte sich Nadasdy mit 6 000 Ungarn auf dem rechten Flügel der Preußen. Ghillanyi besetzte mit einem ebenso starken Korps das Gehölz, das die Ebene begrenzte. Trenck und Morocz stellten sich mit ihren leichten Truppen auf den linken Flügel, um die Preußen auch auf dieser Seite eingeschlossen zu halten und sie daran zu hindern, ihr Lager zum Fouragieren zu verlassen. Es scheint vielleicht sonderbar, daß die Preußen nichts unternahmen, um die genannten Korps aus ihrer Nähe zu vertreiben. Aber wegen der Defileen, die man vor sich hatte, konnte man ihnen nur schwer etwas anhaben.

Die schlechte Ernährung, das Elend und die Strapazen, die die Truppen ertragen hatten, erzeugten eine große Menge von Krankheiten. Kein Regiment war, wo nicht hundert Mann die Ruhr hatten. Den Offizieren ging es nicht besser. Die Fourage war im Lager verbraucht, Lebensmittel konnte man nur auf dem andern Elbufer bekommen, und die Jahreszeit wurde von Tag zu Tag rauher. Alle diese Gründe zwangen den König, den Rückmarsch über die Elbe bei Neu-Kolin anzutreten und die Truppen in Kantonnierungsquartiere zu legen, um die Kranken zu schonen und zu heilen. Die Armee brach am 9. November auf und vollzog ihren Rückzug in so guter Ordnung, daß man einen Angriff des Prinzen von Lothringen auch auf diesem Gelände mit Aussicht auf Erfolg hätte annehmen können. Zehn Bataillone besetzten Neu-Kolin und postierten sich hinter Mauern, die eine natürliche Verschanzung bildeten. Auf Anhöhen in der Nähe der Stadt wurden Batterien aufgepflanzt, die das ganze Gelände bestrichen. So wurden Neu-Kolin und Pardubitz wichtige Stellungen, weil sie die Verbindung mit Schlesien und Prag sicherten. Zwischen beiden Orten wurden längs des Flusses Stellungen angelegt, hinter denen die Truppen kantonnierten. Kaum waren die Preußen über die Elbe gegangen, so griffen die Panduren Neu-Kolin an, wurden aber so schlecht empfangen, daß ihnen die Lust verging, wiederzukommen. Am 14. nachts versuchten die Grenadiere der Königin mit allen ungarischen Truppen einen neuen Angriff, wurden jedoch überall kräftig zurückgeworfen, wobei sie 300 Tote verloren. Trenck, der berüchtigte Räuber, ward dabei verwundet.

Der Prinz von Lothringen hielt den Feldzug für beendigt und hätte den Truppen gern Ruhe gegönnt. Das hatten sie nach den Strapazen im Elsaß und in Böhmen wohl verdient. Allein der Wiener Hof war andrer Meinung und erteilte dem Prinzen ausdrücklichen Befehl zur Fortsetzung der Operationen.

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Der König wiegte sich in der Hoffnung, der Feind würde seine Winterquartiere zwischen Elbe und Sazawa beziehen. Er wollte sie von Pardubitz und Neu-Kolin aus überfallen und den Czaslauer und Chrudimer Kreis von den Österreichern säubern. Deshalb hatte er sein Quartier zu Trnowa nahe bei Pardubitz genommen. Erbprinz Leopold stand unweit von Neu-Kolin. Der Feind machte zu dieser Zeit einige Bewegungen, die einen Angriff auf Pardubitz zu verraten schienen. Deshalb sah der Erbprinz sich veranlaßt, sich den Quartieren des linken preußischen Flügels noch mehr zu nähern. Mittlerweile fing man Briefe aus Wien auf, die ein großes Unternehmen für den 18. November ankündigten. General Einsiedel, der zu Prag kommandierte, meldete, der Feind ließe in allen benachbarten Dörfern an Sturmleitern arbeiten, und General Nassau zeigte an, daß er binnen kurzem einen Angriff auf Neu-Kolin erwartete. Für Pardubitz, wo sich der linke Flügel der Armee befand, war nichts zu befürchten.

An der Elbe entlang standen von Meile zu Meile Infanterieposten. 40 Husarenschwadronen waren zwischen ihnen verteilt, um den Patrouillendienst zu versehen und auf die geringsten Bewegungen des Feindes zu achten. Auf diese Weise mußte der König es stets im voraus erfahren, wenn der Feind einen Versuch machte, über die Elbe zu gehen. Eigentlich war also nur für Prag etwas zu besorgen. Der König schickte Rothenburg mit seinen Dragonern und drei Bataillonen zur Verstärkung der Prager Besatzung. Endlich kam der kritische Tag, der 18.; doch geschah von seiten des Feindes nichts als vieles Hin- und Hermarschieren. Der 19. schien entscheidender. Von 5 Uhr morgens an hörte man Geschützdonner und ziemlich lebhaftes Infanteriefeuer. Der König schickte nach allen Seiten Kundschafter, um zu erfahren, woher dieses Feuer kam. Allgemein glaubte man an einen abermaligen Angriff des Feindes auf Neu-Kolin. Die Schüsse, die man hörte, kamen vom rechten Flügel des Heeres, und da General Nassau einen Angriff des Prinzen von Lothringen auf seine Stellung erwartete und keine andre Nachricht eintraf, so beruhigte man sich bei dieser Wahrscheinlichkeit. Die Ungewißheit währte bis gegen Mittag, wo ein Husarenoffizier dem König Meldung brachte: die Österreicher hätten in der Nacht Brücken bei Selmitz geschlagen, was man infolge der Nachlässigkeit der Patrouillen erst bei Tagesanbruch gemerkt hätte. Oberstleutnant Wedell184-1, dessen Bataillon am nächsten stand, sei hinmarschiert, hätte trotz des Feuers von 50 Geschützen die österreichischen Grenadiere dreimal zurückgeschlagen und dem Prinzen von Lothringen den Übergang fünf Stunden lang streitig gemacht. Die Husaren, die er zur Armee geschickt hätte, um seine Lage zu melden, seien unterwegs von Ulanen getötet worden, die sich in die benachbarten Wälder geschlichen hätten. Mangels Unterstützung hätte er sich in guter Ordnung durch den Wald von Wischeniowitz zur Armee zurückgezogen.

Der Übergang des Feindes über die Elbe war schlimm, mochten nun die Husaren durch ihre Nachlässigkeit daran Schuld sein oder nicht. Damit war das Schicksal des<185> ganzen Feldzugs entschieden. Sich darüber zu beklagen, wäre Zeitvergeudung gewesen. Man dachte also lieber daran, den Schaden nach Kräften wieder gutzumachen. Die Armee erhielt sofort Befehl, sich bei Wischeniowitz im Mittelpunkt der Kantonnementsquartiere zu versammeln. In Pardubitz blieben nur drei Bataillone unter dem Obersten Retzow zurück. Die Armee traf um 9 Uhr abends am Versammlungsorte ein und lagerte sich in Schlachtordnung, ausgenommen das Nassausche Korps, das in Neu-Kolin stand, und die zwei detachierten Bataillone in Brandeis und Nimburg. In dem Gefechte bei Selmitz, das in den preußischen Annalen ewig denkwürdig bleiben wird, hatte das Bataillon Wedell zwei Offiziere und 100 Mann an Toten und Verwundeten verloren. Wedell erwarb sich wegen seiner heldenmütigen Verteidigung den Beinamen des preußischen Leonidas. Der Prinz von Lothringen erstaunte, daß ein einziges Bataillon ihm fünf Stunden lang den Übergang über die Elbe streitig gemacht hatte, und sagte zu den Offizieren seines Stabes: „Wie glücklich wäre die Königin, wenn sie in ihrem Heere so heldenhafte Offiziere hätte.“ Die kritische Lage, in der man sich befand, bewog den König, die höchsten Offiziere seines Heeres zu einem Kriegsrat zusammenzuberufen. Man hatte nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: entweder nach Prag zu marschieren und Böhmen zu halten, oder Prag und dies Königreich zu räumen und sich nach Schlesien zurückzuziehen. Beides hatte seine Nachteile. Erbprinz Leopold war dafür, nach Prag zu marschieren, weil in Leitmeritz noch einige Mehlvorräte waren und weil man mit<186> gestatteten; nicht zu gedenken des gefährlichen Rückzugs von mindestens dreißig Meilen, den die Besatzung von Prag machen mußte, bevor sie über Leitmeritz und durch die Lausitz die schlesische Grenze erreichte. Der König hielt es für das sicherste, nach Schlesien zu marschieren. Wollte man Prag halten, so gäbe man den Österreichern Gelegenheit, dem Heere jede Verbindung mit Schlesien abzuschneiden. Ein gleiches würden die Sachsen an ihren Grenzen tun, sodaß die Armee aus Mangel an Lebensmitteln, Rekruten, Waffen, Munition und Remonten noch vor dem Frühjahr zugrunde gerichtet sein würde. Wo sollte ferner bei unterbrochener Verbindung das Geld zur Besoldung der Truppen, zum Ankauf von Magazinen usw. herkommen? Wie sollte Marwitz mit seinen 22 000 Mann Ober- und Niederschlesien gegen das Heer des Prinzen von Lothringen decken? Diese Gründe entschieden für den Rückmarsch nach Schlesien. Dort fand die Armee alles, was sie zu ihrer Wiederherstellung brauchte. In den Festungen waren Magazine und auf dem Lande Lebensmittel zu finden. Die Verbindung mit der Mark Brandenburg war wiederhergestellt, und es mangelte weder an Geld noch an Pferden, Rekruten und Hilfsquellen aller Art. Nahm man die Dinge, wie sie waren, so verlor der König bei seinem Rückzug aus Böhmen in der Tat nichts als seine schwere Artillerie. Alle Generale traten seiner Meinung bei.

Der auf der Stelle gefaßte Entschluß mußte auch sofort ausgeführt werden. Der König schickte seinen Adjutanten Bülow186-1, einen umsichtigen Mann, auf den er sich verlassen konnte, an alle detachierten Korps sowie an die Besatzung von Prag mit dem Befehl, Böhmen zu räumen. General Nassau erhielt die Weisung, auf dem Wege über Chlumetz oder Nechanitz zur Armee zu stoßen. Der König wollte dem Prinzen von Lothringen gegenüber geeignete Bewegungen machen, um diese Vereinigung zu erleichtern. Bülow gelangte durch die feindlichen Husarenabteilungen hindurch und richtete seine Aufträge aus. Der Entschluß, Prag zu räumen, war um so mehr geboten, als die Besatzung nur noch für sechs Wochen Lebensmittel besaß. Hätte man so lange gewartet, so würde der Hunger zur Kapitulation gezwungen haben.

Am 20. November näherte der König sich Chlumetz, um Nassaus Anmarsch zu unterstützen. Dort blieb er stehen, bis Nassaus Detachement Bidschow und Nechanitz erreicht hatte. Am 22. nahm die Armee Stellung zwischen Pardubitz und Königgrätz, beim Dorfe Wositz, um das Defilee von Nechanitz zu decken. Die Kranken und die Bagage gingen unter guter Bedeckung nach Schlesien voraus, um den Marsch der Truppen zu erleichtern. Retzow räumte Pardubitz. Am 24. rückte die ganze Kavallerie dem General Nassau entgegen und eskortierte sein Korps zur Armee. Die Infanterie zog durch Königgrätz und kantonnierte in den Dörfern diesseits der Elbe. Am 25. und 26. blieb die Armee in dieser Stellung. Am 27. teilte sie sich in drei<187> Kolonnen; die eine nahm ihren Weg durch die Grafschaft Glatz, die zweite, unter Führung des Königs, ging durch die Engpässe bei Braunau, die dritte, unter Du Moulins Führung, zog auf dem Wege von Trautenau nach Schatzlar. Die erste Kolonne ward auf ihrem Marsche gar nicht beunruhigt. Die Brigade Truchseß, die Arrieregarde der zweiten Kolonne, wurde beim Überschreiten des Mettau-Baches bei dem Dorfe Pleß angegriffen. Truchseß ließ sich sehr zur Unzeit in ein Scharmützel mit den Panduren ein, bei dem er vierzig Mann an Toten und Verwundeten einbüßte. Bezeichnend für die Ungarn ist folgendes. Als während des Gefechts einige Schweine im Dorfe Pleß zu schreien anfingen, stellten die Panduren die Feindseligkeiten ein und jagten ins Dorf, um die Tiere zu schlachten, da sie lieber essen als kämpfen wollten. Sicherlich gibt es in der Geschichte wenig Beispiele von so heftigen Scharmützeln, die so grotesk endigten. Du Moulins Kolonne ward beim Dorf Goldenöls angegriffen, aber so matt, daß wir darüber hinweggehen. Die Kolonne des Königs langte am 4. Dezember in Tannhausen an. Der alte Fürst von Anhalt traf fast zu gleicher Zeit dort ein. Erbprinz Leopold lag an einer Krankheit danieder, die für sein Leben fürchten ließ. Feldmarschall Schwerin hatte die Armee mißvergnügt noch vor ihrem Rückzug nach Schlesien verlassen187-1. Der König mußte nach Berlin gehen, um dort die nötigen Vorbereitungen für den kommenden Feldzug zu treffen und auch, um einige Unterhandlungen einzuleiten, die man später, wenn es die Umstände geboten, mit größerem Nachdruck weiterführen konnte.

Den übrigen Korps begegnete auf ihrem Rückzuge folgendes. Winterfeldt brachte sein Detachement glücklich von Leitmeritz nach Schlesien zurück. Er ward unterwegs zwar beunruhigt, aber durch seine guten Maßregeln hielt er sich die Ungarn vom Leibe. Die Besatzung von Prag befolgte die ihr erteilten Befehle nicht buchstäblich. Einsiedel sollte die Festungswerke auf dem Wischehrad und dem Lorenzberg in die Luft sprengen, die Kanonen der schweren Artillerie zerstören, die Lafetten verbrennen und die Flinten der österreichischen Besatzung ins Wasser werfen lassen. Er glaubte fälschlich, dieser Befehl würde widerrufen werden, und schob die Ausführung bis zum Augenblick des Abmarsches auf; da war es denn zu spät. Als er den Moment zur Räumung der Stadt gekommen sah, trieb er so viele Pferde wie möglich auf, um anstatt des schweren Geschützes, das er im Stich lassen mußte, wenigstens 42 österreichische Feldstücke mitzunehmen. Am 26. November verließ die Besatzung Prag. Einsiedel hatte seine Anordnungen aber so schlecht getroffen, daß seine Truppen noch aus dem Karls-Tore ausrückten, als schon 400 Panduren von einer andern Seite in die Stadt<188> drangen und den Nachtrupp angriffen. Rothenburg, der beim Nachtrupp war, ließ mit Kartätschen auf sie feuern und hielt sie sich so vom Leibe. Die Besatzung traf am 30. in Leitmeritz ein und blieb dort einige Tage, um sich mit Brot und Proviant zu versehen. Als Einsiedel nach Böhmisch-Leipa kam, erfuhr er, daß ihm die Sachsen den Weg nach Schlesien verlegen wollten. Der Prinz von Lothringen war nämlich dem König nur bis Nachod gefolgt und hatte dann den Weg nach Mähren eingeschlagen, wogegen die Sachsen nach dem Bunzlauer und Leitmeritzer Kreise marschiert waren. Unterwegs kam es zu einigen Scharmützeln mit den feindlichen leichten Truppen, die aber wenig zu bedeuten hatten. Bei seiner Ankunft in Hohenwald, einem Flecken zwei Meilen von Friedland und drei Meilen von der schlesischen Grenze, erblickte Einsiedel ein starkes feindliches Korps. Wie er von Überläufern und Spionen erfuhr, war es ein Teil des sächsischen Heeres unter Führung des Ritters von Sachsen, durch 2 000 österreichische Grenadiere verstärkt. Einsiedel, der sich noch nie in solcher Lage befunden hatte, verlor alle Fassung. Er war lange Zeit unschlüssig, ob er die Sachsen, die sich aus aufgeschaufeltem Schnee Verschanzungen gemacht hatten, angreifen oder den Rückzug nach Schlesien durch die Lausitz antreten sollte. Die Feinde hatten auf der Straße nach Friedland große Verhaue gemacht, sodaß sie zu dieser Jahreszeit unpassierbar war. Rothenburg sah ein, daß die Truppen durch Einsiedels Unentschlossenheit vor Frost und Elend umkommen würden. Er ließ die Wege nach der Lausitz rekognoszieren und faßte zugleich den Entschluß, den Ritter von Sachsen auf seine eigne Verantwortung hin anzugreifen. Ein Hauptmann Kottwitz, ein geborener Sachse, desertierte in der Nacht und verriet dem Ritter Rothenburgs Absichten. Der aber machte sich die Verräterei selbst zunutze. Am folgenden Tage frühmorgens brach er auf, schwenkte links ab und rückte in die Lausitz ein. Die Sachsen hatten nur an ihre Verteidigung gedacht. Da sie zudem erfuhren, daß ein starkes preußisches Korps unter Nassau durch Schlesien heranzöge und sie im Rücken bedrohte, so machte ihnen diese Nachricht genug zu schaffen, und die Besatzung von Prag entkam ihnen glücklich. Rothenburg marschierte ruhig weiter. Ein Oberst Vitzthum, der an der Lausitzer Grenze kommandierte, wollte ihm den Weg verlegen; als er aber die Zahl der Preußen sah, die ihm gegenüber standen, gab er seinen Widerstand auf. Der sächsische General Arnim, unter dessen Befehl er stand, schickte einen andern Offizier ab, um den Preußen den Durchmarsch zu verbieten, aber Rothenburg überhäufte ihn mit Höflichkeiten, setzte seinen Marsch fort und langte am 13. Dezember an der schlesischen Grenze an. Dort wurden seine Truppen dazu verwandt, die Kette der Winterquartiere von der Lausitz bis zur Grafschaft Glatz zu ziehen.

So endigte der Feldzug, dessen Anfang so glückverheißend gewesen war. Die große Armada, die Böhmen verschlingen, ja Österreich überschwemmen sollte, teilte das Schicksal jener „unüberwindlichen“ Flotte, die Philipp II. von Spanien auslaufen ließ, um England zu erobern.

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Man muß zugeben, daß es nirgends schwerer ist, Krieg zu führen, als in Böhmen. Das Land wird von einer Gebirgskette umschlossen, die den Einmarsch und Ausmarsch gleich gefahrvoll macht. Selbst wenn man die Stadt Prag erobert hat, braucht man ein ganzes Heer, um sie zu halten, und dadurch wird das Korps, das gegen den Feind wirken soll, zu sehr geschwächt. Magazine kann man in Böhmen nur zur Winterszeit anlegen, wo die Einwohner ihre Dörfer nicht verlassen können. Einige fruchtbare Gegenden können zwar Lebensmittel für große Heere liefern. Dort wird es nie an trocknem und frischem Futter fehlen. Aber andre gebirgige und bewaldete Kreise sind zu unfruchtbar, als daß eine Armee sich lange in ihnen halten könnte. Überdies ist in ganz Böhmen kein verteidigungsfähiger Ort. Wenn die Österreicher also den Gegner ohne Schlacht aus Böhmen vertreiben wollen, so können sie ihn aushungern, indem sie ihm alle Verbindungen abschneiden. Die Gebirgskette, die Böhmen rings umgibt, liefert einem erfahrenen Offizier alles, was er nur wünschen kann, an Engpässen und Stellungen, um die Transporte abzufangen. Es gibt nur eine Methode, Böhmen zu erobern.

Kein General beging mehr Fehler in diesem Feldzuge als der König. Der allererste war zweifellos der, daß er nicht Magazine genug angelegt hatte, um sich wenigstens sechs Monate in Böhmen halten zu können. Wer das Gebäude eines Heeres errichten will, muß bekanntlich den Magen zur Grundlage nehmen189-1. Aber das ist nicht alles. Der König rückt in Sachsen ein. Er weiß, daß die Sachsen dem Wormser Vertrag beigetreten waren189-2: er mußte sie also entweder zwingen, seine Partei zu ergreifen, oder sie zerschmettern, bevor er den Fuß nach Böhmen setzte. Er belagert Prag und schickt ein schwaches Detachement nach Beraun gegen Batthyany. Hätte diese Truppe nicht Wunder an Tapferkeit vollbracht, so traf ihn selbst die Schuld an ihrer Vernichtung. Nach der Eroberung Prags wäre es sicherlich richtig gewesen, mit der Hälfte des Heeres stracks auf Batthyany loszugehen, ihn noch vor Ankunft des Prinzen von Lothringen aufzureiben und das Magazin in Pilsen wegzunehmen, dessen Verlust den Österreichern die Rückkehr nach Böhmen unmöglich gemacht hätte. Sie hätten erst von neuem Lebensmittel zusammenbringen müssen. Das hätte Zeit gekostet, und so wäre der Feldzug für sie verloren gewesen. Nur daß die preußischen Magazine nicht eifrig genug angefüllt wurden, ist nicht die Schuld des Königs, sondern der Proviantkommissare, die das Geld für die Lieferungen zwar einsteckten, aber die Magazine leer ließen. Doch wie konnte der König so schwach sein, den Feldzugsplan des Marschalls Belle-Isle anzunehmen und nach Tabor und Budweis zu rücken, wo er doch selbst einsah, daß dieser Marsch weder den Umständen, noch seinem Vorteil, noch den Regeln der Kriegskunst entsprach? So weit darf man die Nachgiebigkeit nicht treiben. Dieser Fehler zog eine Menge andrer nach sich. War es schließlich wohl richtig, seine Armee in Kantonnementsquartiere zu legen, wo<190> der Feind nur einen Tagemarsch entfernt stand? Der ganze Vorteil des Feldzuges war auf Österreichs Seite. Traun spielte die Rolle des Sertorius und der König die des Pompejus. Trauns Benehmen ist ein vollendetes Muster der Kriegführung und verdient das Studium und die Nacheiferung jedes eifrigen und fähigen Soldaten. Wie der König selbst zugestehen mußte, hat er diesen Feldzug als seine Schule des Krieges und Traun als seinen Lehrmeister angesehen. Glück ist den Fürsten oft verhängnisvoller als Unglück. Jenes berauscht und verblendet sie; dieses lehrt sie Vorsicht und Bescheidenheit.


165-1 Bei den Hyerischen Inseln, 22. Februar 1744.

165-2 Karl Eduards Vater, Jakob Eduard, erhob als Sohn des 1688 vertriebenen Königs Jakob II. Ansprüche auf die englische Krone.

167-1 Vgl. S. 145.

167-2 Karl Theodor von der Pfalz.

170-1 Graf Samuel Schmettau stand seit 1741 in preußischen Diensten.

170-2 In seinen Schreiben vom 12. und 29. Juli an Ludwig XV. und Noailles gibt der König den 13. August an; er brach von Potsdam am 14. auf.

172-1 Vgl. S. 61. 67. 78.

173-1 Am 22. Mai 1744. Der entscheidende Beweggrund, die Sicherung Schlesiens, ist im Manifeste nicht genannt.

173-2 Markgraf Karl von Brandenburg-Schwedt.

174-1 Vgl. S. 105.

180-1 Am 22. und 23. Oktober.

180-2 23. Oktober.

184-1 Georg von Wedell; er fiel 1745 bei Soor.

186-1 Major Daniel Gottlieb von Bülow.

187-1 Weit schärfer lautet das Urteil in den Denkwürdigkeiten von 1746, wo der König schreibt, Laune und Krankheit hätten den Feldmarschall zur vorzeitigen Heimkehr veranlaßt. Ähnlich sagt er dort über Schwerins Aufbruch von der Armee im Frühling 1742: „Er wurde krank, wie es seine Gewohnheit war, und reiste ab.“ Endlich ist auch in der Niederschrift von 1775 die Charakteristik fortgeblieben: „Schwerin ist voll Feuer, geeignet zu allen kurzen und raschen Unternehmungen, aber ohne Geduld zur Ausführung von Plänen, die Kaltblütigkeit und Nachdenken erfordern; für seine Person besitzt er heroischen Mut.“

189-1 Ilias, XIX. Gesang, Vers 160—170.

189-2 Vgl. S. 155.