<278>

18. Mai 1782

Der König an d'Alembert: "Mir geht es wie Ihnen; ich bewundere die Moral der Stoiker, und betrübe mich daß ihr so ehrwürdiger Weise + bloß ein Wesen der Vernunft ist. Hierauf könnte man sehr schicklich den schönen Vers von Voltaire anwenden: "Bei menschlichem Geschick die Sehnsucht eines Gottes." Wir mögen so viel Liebe für das Beste der Menschheit haben, so wird doch kein Gesetzgeber, kein Philosoph die Natur der Dinge umändern. Wahrscheinlich hat unser Geschlecht so sein sollen, wie wir es kennen, ein seltsames Gemisch einiger guten und einiger bösen Eigenschaften. Die Erziehung und der Fleiß können den Umkreis unserer Kenntnisse erweitern; eine gute Regierung kann Heuchler bilden, welche die Maske der Tugend vornehmen; allein den innern Gehalt unserer Seele zu ändern, dahin wird man es nie bringen. Ich betrachte den Menschen wie ein Maschinenwerk, welches den Gewichten und Rädern, wodurch es geleitet wird, folgen muß; was man Weisheit und Vernunft nennt, ist bloß die Frucht der Erfahrung, welche auf die Furcht oder die Hoffnung wirkt, auf diese beiden großen Triebfedern unsrer Handlungen. Für unsere Eigenliebe, mein lieber Anaxagoras, ist dies freilich ein wenig demüthigend, aber unglücklicher Weise ist es nur zu wahr. Bei dem Alten schätze ich die Stoiker, und ich danke es ihnen mit einem von Erkenntlichkeit durchdrungenen Herzen, daß ihre Sekte einen Cälius, einen Cato von Utika, einen Epictet, vorzüglich einen Mark Aurel, hervorgebracht hat. Keine der übrigen philosophischen Sekten kam, sich solcher Zöglinge rühmen; und ich wünschte zum Besten von Europa, daß ihr Geschlecht nicht erloschen wäre. Es ist unangenehm, daß Alle, welche leiden, dem Zeno geradezu widersprechen müssen, da ist Keiner von Allen, der nicht eingestünde, daß der Schmerz ein großes Uebel ist. etc. -


+ Zeno von Cittium, Stifter der stoischen Philosophenschule.