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7. Epistel an meine Schwester in Bayreuth
Zu ihrer Thronbesteigung18-1
(1735)

Du die ich trauter Freundschaft würdig achte,
O Schwester, deren rein Gemüte
Zum Abgott Dich dem Bruder machte,
Du, die seit unsrer Jugendblüte
Das harte Schicksal stets mit Leid bedachte,
Doch deren tiefe Herzensgüte
Ein Heer von Plagen nicht zu Falle brachte: —

Dich stach der scheele Neid mit Natterzungen;
Im ersten Lenz entlud vom Throne sich
Ein Wetter über Deinem Haupt, dem jungen:
Der Arglist war's mit falschem Rat gelungen,
Den eignen Vater gegen Dich,
Unschuldig Kind, zu reizen;18-2 da verblich
Des Lebens erster Sonnenschein.
Du trugst des Unglücks Joch gezwungen,
Und Wolken hüllten Dich in Dunkel ein.

Es schien, als hätten Schicksal nun und Neid
Längst ihre Pfeile gegen Dich verschossen;
Doch Krankheit kommt, und neues Leid
Ist Dir daraus entsprossen.

Ihr Götter, scheucht das grause Bild
Aus meinem Geist, daß Michs nicht länger quäle!
Von Gram bedrückt ist meine Seele;
Mein banges Herz von Trübsal schwillt.
Es bebt, daß mich der Tod mit seiner Schneide
<19>In dieser Stunde, wo es gilt,
Von meines Wesens Hälfte scheide.

Kehrt lieber gegen mich der Schläge Wucht,
Du Schicksal, Götter ihr voll Eifersucht,
Und muß es sein, trefft mich mit eurem blut' gen Eisen:
Ich biete mich als Opfer dar!
Doch trefft nur mich allein: ich will euch preisen!
Auf mich, ihr Götter, alles Mitleids bar,
Lenkt euren Zorn: für ihr geliebtes Leben
Will ich dann frohgemut das eigne geben!

Da wird mein Flehn erhört: des Schicksals Gunst
Vertreibt den grauen Wolkendunst,
Und heitre Bläue lacht von droben
Nach jenes Ungewitters Toben.
Beglückt schau' ich den Himmel offen.
Und gottbegeistert kann ich schon
Erfüllt sehn mein geheimstes Hoffen.
Der Kummer ist verbannt; dem Leid wird Lohn,
Und im Olymp die Götter alle schelten
Das Unglück, das so häufig Dich betroffen.
Sie wollen's reichlich Dir vergelten,
Und um die Wette wird bestimmt,
Daß seinen Teil ein jeder auf sich nimmt.
Mit Fug und Recht beiseite zwar
Bleibt von der ganzen Götterschar
Minerva, die stets treu Dir war!

Holdselig in der Schönheit Zier,
Entsendet Venus ihren Sohn
Hernieder auf die Erde schon
Und spricht: „Flieg leichtbeschwingt zu ihr!“

Und Amor war nicht falsch und flatterhaft,
Wie sonst, wenn er den Herzen Kummer schafft.
Nicht als der Gott, der alle Welt
Grausam in harten Banden hält,
Nein, als der keusche Gott der Ehe
Kam er zu Dir — Dein eignes Schicksal sage,
<20>Was ich im Reim zu schildern nicht verstehe!
Flugs kommt Diana nun aus ihrem Hage
Und spricht: „Zu ihrer Kurzweil trage
„Die Weidlust bei im keuschen Hain,
„Und es lustwandle nicht allein
„Die Fürstin dort: sie jage!“20-1

Da wimmelt es von Wild am Bergesrand;
Im Waldesdickicht rudeln sich die Hinden;
Den Hirsch erlegst Du mit geschickter Hand;
Der Eber muß ein jähes Ende finden.
Der Fuchs wird aufgestöbert und gestellt;
Von Deinen wohlgezielten Schüssen fällt
Aus freier Luft das Rebhuhn, der Fasan,
Und blitzgeschwind triffst Du den Auerhahn.

Als nun Apoll der Schwester Gaben sieht,
Will er Dir seine sanftre Lust bescheren,
Und mit der Schar der Musen zieht
Er in das Haus, das Du der Kunst zu Ehren
Erbautest. Melpomenes Spiel
Voll Gift und Dolch und wilder Leidenschaft
Gibt Deinem Blick ein neues Ziel
Und hält den Geist in banger Haft.

Nun kommt Thalia an die Reih',
Die streng bei aller Narretei
An Menschentorheit sich ergötzt
Und uns mit ihres Spottes Lauge ätzt.

Doch in Italiens Zauberklang
Tönt Polyhymnias Gesang
Zur süßen Harmonie der Saiten;
Zum Feenschlosse wird das Haus,
Und märchenhafte Schätze breiten
Sich vor den trunknen Augen aus.
Im Blumenflor schlingt nun den Reigen
Therpsichore zum Klang der Geigen,
<21>Und in der Kunst erhöhtem Glanz
Entschwebt der Grazien kühn verschlungner Tanz.

Kurz, Reigen, Töne, Schaugepränge,
Die ernste wie die heitre Kunst,
Sie streiten sich um Deine Gunst,
Und jede drängt es unter ihnen,
Sich Deinen Beifall zu verdienen.

Doch sieh, dort nahen die Gelehrten,
Die in Uraniens Geleit
Voll Würde und Gemessenheit
Mit ihren Gaben Dich beehrten.
In ihrer hehren Trunkenheit
Verkünden hohe Worte sie —
Auch meine Göttin Poesie
Hat ihren Weihrauch Dir geweiht!

Ein andrer Dichtersmann, ein Greis,
Verleugnend seines Alters Eis,
Sang schon zu Deiner Schönheit Preis.
Ich, der am Fuße des Parnaß
Kaum erst im dritten Lenze saß,
Bring' als ein Neuling in Apoll
Dir kühnlich dar des Liedes Zoll.
Nicht gab Minervas rasche Huld,
Nicht reifer Jahre späte Frucht
Dem Iugendschwunge Schliff und Wucht;
Doch, teure Schwester, mein Gefühl
Trotzt diesen weislichen Bedenken:
Es stammt zu heiß, um es so kühl
In meinen Busen zu versenken!

Wer, von so schöner Glut beseelt,
Zwar gegen Reim und Versbau fehlt,
Allein von Herz zu Herzen spricht,
Gilt mehr als mancher glatte Wicht,
Der kalt gemeßne Reime flicht!


18-1 Am 17. Mai 1735 hatte Erbprinz Friedrich von Bayreuth (vgl. S. 7) die Regierung angetreten.

18-2 Anspielung auf die Jugendschicksale Wilhelminens, auf das gescheiterte Projekt ihrer Vermählung mit dem Prinzen von Wales und auf den dem Könige eingeflößten Verdacht, daß sie zu Leutnant von Katte in unerlaubten Beziehungen gestanden habe.

20-1 Zur Stärkung ihrer Gesundheit war der Markgräfin von den Ärzten die Jagd verordnet.